Borderlands – Mexikanische Grenzerfahrungen

Kunst & Aktivismus in einer Metropole zwischen Trump und AMLO

Politische Reise 21.09.-11.10.2019 nach Ciudad Juárez, Mexiko – mit Exkursionen ins Umland und nach El Paso, USA

Teilnahmebeitrag: 1.800 Euro (inkl. Flüge, Unterkunft, Transport)

Vorbereitungsseminar (Achtung, neuer Termin): 28./29. Juni in Berlin

Fragen & Kontakt: mexiko@iak-net.de

Die mexikanische Grenzstadt Ciudad Juárez erlangte erstmals durch Frauenmorde in den 1990er Jahren eine traurige Berühmtheit. Vor ein paar Jahren stand der Boomtown als “gefährlichste Stadt der Welt” im Fokus der Medien. Aktuell fällt das Licht der Öffentlichkeit erneut auf Juárez und seine Zwillingsstadt, El Paso, Texas, weil Hunderte aus Mittelamerika geflüchtete Familien hier täglich über die Grenze gehen oder auf Asyl warten.

Weitgehend unbekannt ist, dass Ciudad Juárez sich durch eine enorm vielschichtige und aktive Zivilgesellschaft auzeichnet. Sie basiert auf dem Engagement der Mütter von verschwundenen und ermordeten Mädchen. Der Einsatz vieler Menschen für Frieden und Gerechtigkeit während der militärischen Besetzung im sogenannten “Drogenkrieg” wurde kaum bekannt. Auch die Arbeit von Organisationen, die diesseits und jenseits der Grenze in direkter Solidarität mit Migrant*innen, Geflüchteten und Abgeschobenen arbeiten, verläuft zumeist im Stillen. Kreative kulturelle und politische Ausdrucksformen wie Hiphop, Street Art und Theater sind in der Grenzstadt mehr als präsent.

Denn gesellschaftliche Ausgrenzung, Marginalisierung und Repression existieren in den weit ausgedehnten Vierteln am Rande der Wüste nicht erst seit dem sogenannten “Drogenkrieg”. Erfolgreich haben Kunst- und Stadtteilprojekte seit dem Rückgang der Gewalt öffentliche Räume in kollektiver Weise zurückerobert. Eine Fortsetzung von Militarisierung unter dem neuen, als progressiv geltenden Präsidenten Andres Manuel Lopez Obrador, genannt AMLO, die Gentrifizierung der Innenstadt und Fracking im direkten Umland sind anstehende Herausforderungen für die Zivilgesellschaft.

Eine Auswahl von Initiativen und Aktivist*innen möchten wir durch die Reise näher kennenlernen.

Ciudad Juárez galt in Zeiten der Alkoholprohibition in den USA als das Las Vegas seiner Epoche. Über Jahrzehnte war die Stadt mit ihren unzähligen Bars, Diskotheken und Bordellen ein beliebtes Ziel für Tourist*innen und Militärangehörige aus den USA.

Seit den 70er Jahren siedelten sich vor allem US-amerikanische Billiglohnfabriken auf der mexikanischen Seite der Grenze an. Auch deutsche Firmen wie Bosch profitieren von den niedrigen Produktionskosten in Ciudad Juárez. Die Industriemetropole bleibt trotz prekärer Arbeits- und Lebensbedingungen Anlaufpunkt für Migrant*innen aus ganz Mexiko und unfreiwillig auch für Menschen aus Mittelamerika, die hier an der Grenze stranden. Eine Stadtplanung an den Interessen der Bevölkerung vorbei, ihre Marginalisierung in den Montagefabriken sowie Korruption,  Straflosigkeit und der nahe Drogenmarkt der USA trugen dazu bei, dass Kriminalität und organisiertes Verbrechen zunehmend an Einfluss gewannen.

Seit den 90er Jahren erlangte Ciudad Juárez mit der systematischen Ermordung von Frauen traurige Berühmtheit. Der machistische Rollback gegen die von traditionellen Geschlechterrollen und Familienstrukturen unabhängige Lebensführung unzähliger junger Frauen, begünstigt durch ein eigenes Einkommen im Maquilasektor führte in Verknüpfung mit der Präsenz der Drogenkartelle und der Zersetzung der politischen Strukturen zum höchsten Ausdruck misogyner Gewalt: dem Femizid. Eine fast absolute Straflosigkeit begünstigt dies und limitiert die Bewegungsfreiheit von Mädchen und Frauen in der ausgedehnten Großstadt. Erstmals versucht die aktuelle Stadtregierung mit einem Sicherheitskorridor für Frauen im Zentrum der Stadt den Frauenmorden etwas entgegenzusetzen, die vorige Regierungen stets zugunsten eines wirtschaftlichen und touristischen Aufschwungs auszublenden versuchten.

Die mit den Femiziden entstandenen Protestbewegungen, angeführt von den Müttern der Femizid­opfer, haben jedoch von jeher entschieden zu einer Vernetzung und Professionalisierung der Zivil­gesellschaft in Ciudad Juárez beigetragen. So bildete sich bald eine breite Friedens­bewegung, als Ciudad Juárez zwischen 2008 und 2011 von Militär und Bundespolizei “befriedet” wurde. Tatsächlich führte die Militarisierung der Stadt zu noch mehr Gewalt, einem horrenden Anstieg von Menschenrechtsverletzungen, Vertriebenen, gewaltsam Verschwundenen und Ermordeten. Aktivisten hatten mit Repression und Übergriffen zu kämpfen und besonders Angehörige marginalisierter Bevölkerungsschichten gerieten zwischen die Fronten des sogenannten “Drogenkriegs”.

Im Fokus der Reise steht für uns, welche Auswirkungen einseitige Stadtentwicklung und Gewalterfahrungen auf den Alltag der Menschen haben. Die mehreren tausend Toten der vergangenen Jahre reißen bleibende Lücken in ihre Familien und ihr soziales Umfeld. Des Weiteren sitzen Tausende marginalisierter Jugendlicher und Erwachsener im Gefängnis, die gefüllt wurden, um den Erfolg der Regierung im angeblichen Kampf gegen die Kartelle zu demonstrieren.

Zehntausende Menschen haben Ciudad Juárez während der Militarisierung verlassen. Die meisten sind in ihre Herkunftsgemeinden in andere Bundesstaaten Mexikos zurückgekehrt. Aus der Mittel­schicht sind viele auf die US-amerikanische Seite des Rio Grande gezogen und haben die binationa­len Netze mit der texanischen Zwillingsstadt El Paso einmal mehr verwoben. Diese hat dadurch einen Aufschwung erfahren; weiterhin gilt sie als eine der sichersten Städte der USA. Für Flücht­linge und verfolgte Aktivist*innen im „Drogenkrieg“ wurde sie für viele Jahre zum „safe haven“.

Migration und Flucht über die Grenze in und um Ciudad Juárez ist seit deren Entstehung nach dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg 1848 eine alltägliche Konstante. In der US-amerikanischen Zwillingsstadt El Paso wurde die US-Border Patrol gegründet. In den letzten Jahren und noch einmal mehr seit dem letzten Jahr hat sich die texanische Grenzstadt im Zeichen einer Abschottungspolitik der USA zu einem Drehkreuz der Inhaftierung und Abschiebungen von Kindern und Jugendlichen entwickelt. Eine Stunde südlich der Stadt wurden 2018 knapp 3000 von ihren Familien getrennte Minderjährige aus Mittelamerika in einem Lager interniert. Währenddessen entließen die Migrationsbehörden Tausende an der Grenze festgenommene Kleinfamilien mit elektronischen Fußfesseln. Ohne die beherzte und logistische Höchstleistung kirchennaher Herbergen hätten diese Menschen bei den stets extremen Wüstentemperaturen auf der Straße gestanden.

Weitestgehend unbeachtet findet die Flucht von Angehörigen der indigenen Raramuri aus der von den Drogenkartellen beherrschten Sierra de Chihuahua nach Ciudad Juárez statt. Diese haben angesichts von struktureller Ausgrenzung eine eigene Gemeinschaft am Rande der Stadt gegründet. Ein rassistisch motivierter Mord durch Polizeibeamte an einem jungen Raramuri und die erweigerung des Einlasses der indigenen Gemeindevorsitzenden Rosalinda Guadalajara in die historische Bar Kentucky zeigen gesellschaftliche Missstände auf.

Wir wollen uns damit beschäftigen, wie eine gesellschaftliche Aufarbeitung und ein künstlerischer Umgang mit Ausgrenzung und Gewalterfahrung stattfindet. Wie gehen die Menschen vor Ort im Alltag mit den Problemlagen um, welche individuellen und kollektiven Strategien haben sie entwickelt? Woher nehmen sie die Kraft, sich zivilgesellschaftlich zu engagieren? Welche Träume und Hoffnungen haben Jugendliche in der Region? Wie leben die Menschen im Alltag mit der Grenze und der Mauer? Wie ist die Situation von Migrant*innen auf beiden Seiten der Grenze? Wie sieht die schwul/ lesbisch/ transsexuelle Szene in Ciudad Juárez und El Paso aus? Welche Lebensrealität hat die indigene Bevölkerung der Grenzregion? Wo steht die Bewegung gegen Frauenmorde?

Ziel der Reise ist es, sich mit der von Globalisierung, Grenzregime und Drogenkrieg geprägten komplexen Realität in Ciudad Juárez auseinanderzusetzen. Dabei wollen wir die Perspektive und Arbeit von feministischen Kollektiven wie Radio Umukis al aire und Ni en more kennenlernen, Kunst-/Permakultur- und Lehmbauinitiativen wie CUI und Collectivo Chopeke, Projekte wie CASA und Centro de Salud Toci, die marginalisierte und kriminalisierte Menschen unterstützen und die Angehörigen von Telón de Arena (Theaterensemble) treffen und Orte wie den Mercado del Monu (sonntäglicher Treffpunkt der alternativen Szene der Stadt) besuchen und mit Fahrradaktivisten die Stadt erschließen.

Daneben sind Ausflüge zu den Sanddünen von Samalayuca und zu den historischen Stätte Paquimé in Casas Grandes geplant sowie ein Besuch des Ejidos Benito Juárez, Herz der Bauernbewegung El Barzón. Um einen erweiterten Einblick in den Bedeutungsraum der Grenze zu bekommen, wollen wir El Paso, Texas, auf der anderen Seite der Grenze besuchen, wo das Annuntiation House Geflüchteten und Migrant*innen Schutz bietet und Menschen­rechtsaktivist*innen gegen Frauenmorde und Militärwillkür ein Exil gefunden haben.

Die Reise richtet sich dieses Jahr gezielt an Mitarbeiter*innen von Nichtregierungs­organisationen, die sich mit den Themen Menschenrechte und Mexiko befassen. Aber auch Menschen, die sich in privatem und aktivistischem Umfeld damit auseinandersetzen, sind herzlich willkommen. Die Reise kann auf Wunsch als Bildungsurlaub anerkannt werden. Wir planen die ersten zwei Reisewochen nach den Interessen der Teilnehmer_innen gemeinsam zu gestalten. Inhaltliche Schwerpunkte und Auszeiten zur Erholung werden auf dem Vorbereitungsseminar in der Gruppe festgelegt. Die dritte Woche kann in Kleingruppen individuell gestaltet werden. Während der gesamten Reise werden Programmpunkte, Einkäufe und Essen in der Gruppe vorbereitet. Neben dem Vorbereitungsseminar in Deutschland werden wir auch auf der Reise Erlebtes und Gehörtes gemeinsam reflektieren und diskutieren. Die Teilnahme am Vorbereitungsseminar ist Voraussetzung für die Reise; selbiges findet vom 19.-21. Juli in Berlin statt. Spanischkenntnisse sind wünschenswert; für Übersetzung ist jedoch gesorgt.

Leitung: Ina Riaskov, Dagmar Seybold & Kathrin Zeiske

Ina Riaskov lebt und arbeitet in Mexiko als freischaffende Fotografin, Grafikdesignerin und Soziologin in und zu feministischen Bewegungen an der Schnittstelle zwischen Kunst und Aktivismus. https://www.flickr.com/photos/produccionesymilagros

Dagmar Seybold lebte mehrere Jahre in Mexiko und arbeitete im Menschenrechtsbereich. In Ciudad Juárez und El Paso forschte sie zu Frauenmorden, Militarisierung und Medien. Nach einem Einsatz als Friedensfachkraft in Guatemala ist sie heute in der Arbeit mit Geflüchteten in Deutschland aktiv.

Kathrin Zeiske lebt und arbeitet zwischen Deutschland und Mexiko, wo sie einige Jahre für eine Migrant_innenherberge tätig war. Heute schreibt sie als Freie Journalistin über soziale Bewegungen, Drogenkriege und Ressourcenabbau in der Region. http://grenzueberschreitend.blogspot.com/

Weitere Informationen und Interessebekundung unter mexiko@iak-net.de.

Mexiko 2019
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