Finnland: Sozialer Wohlfahrtsstaat – starke Gesellschaft?

Eine kritische und politische Bildungsreise ins „glücklichste Land“ der Welt

Die Devise ist: Die Finn:innen zahlen hohe Steuern, sind damit aber einverstanden, da sie viele Sozialleistungen dafür erhalten. Sichtbar wird das am Beispiel der 2018 eröffnete Zentralbibliothek „Oodi“ in Helsinki, das bedeutendste „gebaute Geschenk“ für die Bürger:innen der Stadt.

Kaum eine Woche vergeht, in der nicht eine globale Studie erscheint, die zeigt, Finn:innen sind in fast allem besser. Sie haben die sauberste Luft und das sauberste Wasser. Sie leben im sichersten Flächenland der Erde, haben die höchste Alphabetisierungsrate der Welt, ihre Schulen und Universitäten sind für Bürger*innen kostenlos und zählen zu den besten. Nirgendwo in Europa, stellte die EU-Kommission fest, klappt es mit der Digitalisierung besser. Am meisten wird jedoch darüber diskutiert, dass Finnland bereits zum dritten Mal in Folge vom World Happiness Report der Vereinten Nationen zum glücklichsten Land der Welt gekürt wurde.

Noch bis kurz nach dem zweiten Weltkrieg war Finnland eines der ärmsten Länder Europas, ein Agrar- und Waldarbeiter:innenland mit großen Auswanderungszahlen in die benachbarten skandinavischen Länder, die historisch andere Entwicklungen mit Macht und Reichtum durchliefen. Finnland war stattdessen jahrhundertelang fremdregiert (zuerst von Schweden, dann vom russischen Zarenreich) und hatte mehrmals blutige Kriege zu kämpfen. Viele Erklärungen für die heutige Zufriedenheit der Finn*innen beginnen an der Stelle des vom Gleichheitsgedanken getragenen Bildungswesens, dass nach der Unabhängigkeit 1917 aufgebaut wurde.

Finnland im 21. Jahrhundert ist durchaus von Widersprüchen geprägt. Auch wenn die Zahlen rückläufig sind, haben viele Finn:innen weiterhin mit Alkohol- und Drogenmissbrauch, Depression oder Suizidgedanken zu kämpfen – Finn:innen meinen, dass sie jahrelang „am Rande der Welt“ gewesen sind und ihre „Volkstraumata“ überwinden mussten. Auf der anderen Seite steht eine international ausgerichtete, gut ausgebildete jüngere Generation, die derzeit und zukünftig die Machtpositionen im Land übernimmt. Eine Symbolfigur ist die 35-jährige sozialdemokratische Premierministerin Sanna Marin, die im Dezember 2019 die Regierungsgeschäfte übernahm und nun einer Koalition vorsteht, in der alle fünf Parteichef:innen Frauen sind.

Es ist jedoch wichtig, den Wohlstand Finnlands abhängig vom Reichtum und der Ausbeutung der westlichen Länder zu sehen, denen sich das Land selbst nach dem Fall der Sowjetunion immer mehr zuwandte und 1995 EU-Mitglied wurde. Außerdem möchte Finnland bis 2035 CO2-neutral werden, nimmt aber weiterhin an der globalen und deregulierten Wachstumsökonomie teil. Zudem verstärken sich die allgegenwärtigen sozialen und politischen Fragen von Ungleichheit, Wohnungsnot, Einwanderungsdiskussionen und Rechtspopulismus.

Unsere Bildungsreise begibt sich auf die Suche nach diesen Ambivalenzen. Wir möchten herausfinden, welche Strategien gefahren werden sollen, um diese Herausforderungen zu bestehen. Welche Funktionen und Problemlösungen übernimmt der Staat und welche Rolle übernimmt die finnische Zivilgesellschaft? Braucht es starke Bürger:innenbewegungen, wenn der Staat großes Vertrauen genießt? Dazu besuchen wir Orte und Institutionen, die zentrale Rollen in der finnischen Politik und Gesellschaft übernehmen, wie z.B. öffentliche Bibliotheken, Schulen und Kommunalregierungen. In Treffen mit Vertreter*innen der linken Parteien lernen wir die sozialdemokratisch-geprägte Geschichte und Hintergründe Finnlands kennen. Wichtiger Bestandteil sind außerdem Treffen mit Vertreter*innen diverser selbstorganisierter und zivilgesellschaftlicher Initiativen und Grassroots-Bewegungen.

 

Die Eltern jedes neugeborenen Kindes haben ein Anrecht auf die „Äitiyspakkaus“ (auf dt.: Mutterkiste) der finnischen Sozialbehörde „Kela“. Gefüllt mit allem, was das Baby in den ersten Lebensmonaten benötigt, ist sogar die Kiste so dimensioniert, dass das Baby darin schlafen könnte. Jedes Jahr gibt es eine neue Zusammenstellung, an der bekannte finnische Designer:innen mitarbeiten.

Reiseleitung:
Isabella Rauh und Korbinian Schütze

Wir kennen uns vom Architekturstudium in Finnland und haben gemeinsam bereits im Juli 2020 eine Architekturreise nach Südfinnland organisiert. Isabella ist mehrsprachig auf dem Land in der Nähe der finnischen Kleinstadt Porvoo aufgewachsen und studiert inzwischen Psychologie in Marburg. Korbinian beendet derzeit sein Architekturstudium in Helsinki und ist nebenbei als Bühnenbildner und Trainer in der politischen Bildung aktiv. Beim IAK ist er für die Reisen von und nach Benin verantwortlich.

Die Reise findet in Kooperation mit Spatial Interest e.V. statt. Spatial Interest setzt sich Architektur und Raum auseinander und bietet vorwiegend kritische Raumexkursionen an.

 

Reisezeitraum:
7 Programmtage, Sonntag, 10.10. bis Samstag, 16.10.2021

Teilnahmebeitrag:
875 Euro

Der Teilnahmebeitrag beinhaltet die Hotel-/Hostelunterkunft für 8 Übernachtungen im Doppelzimmer, Frühstück, das Reiseprogramm und die vor Ort anfallenden Fahrtkosten, Eintrittsgelder und Übersetzungen. Bei Unterkunft im Einzelzimmer umfasst der Teilnahmebeitrag 1.075 Euro, bei Unterkunft im Vier-Bettzimmer 675 Euro.

An- und Abreise zum/vom Veranstaltungsort (Helsinki) ist selbst zu organisieren und kostet durchschnittlich 150 bis 250 Euro hin und zurück. Über die verschiedenen An- und Abreisemöglichkeiten, sowie Gruppenbildungen, informieren wir gerne. Anreise bis Samstag, 09.10. und Abreise ab Sonntag, 17.10.2021.

Die Reise wird in Berlin als Bildungsurlaub beantragt und kann auf Wunsch in weiteren Bundesländern beantragt werden.

 

Weitere Infos, Nachfragen und Interesse-Bekundungen bis zum 01.07.2021 an korbinian@iak-net.de.

Finnland (10.-16.10.2021)

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