An der Grenze von Afrika und Europa: Perspektiven auf Migration an der Straße von Gibraltar

Politische Reise nach Tanger, Tétouan und Martil (Marokko), sowie Ceuta (Spanien) vom 12. bis 16. April 2027
Die Meerenge von Gibraltar ist nicht nur eine der bedeutendsten Drehscheiben des globalen Handels, sondern zugleich einer der strategisch wichtigsten geopolitischen Grenzräume der Welt. Seit dem späten 20. Jahrhundert ist sie darüber hinaus zu einem Brennpunkt globaler Migration geworden: Tausende Menschen, die von hier aus zum letzten, risikoreichen Sprung ins nur 14 Kilometer entfernte Europa ansetzen, hunderte, die das Meer verschluckt hat, und viele, die ihr erhofftes Ziel nie erreichten und stattdessen an einem unerwarteten Ort ein neues Leben begannen.
Bilaterale Migrationsabkommen zwischen der Europäischen Union und Marokko sowie die Maßnahmen von Frontex haben die traditionelle Route über die Meerenge in den vergangenen Jahren weitgehend verschlossen. Für Migrant*innen aus Ländern südlich der Sahara ist die Überfahrt nach Europa heute nahezu unmöglich geworden. Alternative Wege und neue Schlupflöcher bleiben lebensgefährlich.
Damit stellt sich für viele eine neue Frage: Was geschieht, wenn die Durchreise zum Dauerzustand wird? Wenn aus einem Transitland plötzlich ein Lebensort wird?
Marokko gilt als wirtschaftliche*r Aufsteiger*in Nordafrikas. Doch hinter den Wachstumszahlen stehen soziale Ungleichheiten, prekäre Arbeitsverhältnisse und eine oft unzureichende soziale Absicherung. Für viele Neuankömmlinge bedeutet dies, unter schwierigen Bedingungen neue Perspektiven entwickeln zu müssen. Der Alltag verlangt Resilienz, Kreativität und gegenseitige Unterstützung.
Gerade daraus entstehen bemerkenswerte Initiativen. Die kamerunische Künstlerinitiative Shu-Mom Arte oder das Frauenprojekt 100 % Maman in Tanger zeigen beispielhaft, wie auf Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit mit Kunst, Solidarität und gesellschaftlichem Engagement reagiert wird. Wo europäische Grenzpolitik Barrieren errichtet, entstehen neue Räume der Begegnung und des Zusammenhalts. Nicht selten entwickeln sich daraus Projekte, die weit über die migrantischen Communities hinauswirken und die marokkanische Gesellschaft kulturell, sozial und wirtschaftlich bereichern.
Themenschwerpunkte
- Wann wird die „Durchreise“ zum Dauerzustand? Wie fällt die Entscheidung für einen Neuanfang in Marokko?
- Zusammenleben oder Integration? Wie wandelt sich Marokko vom klassischen Auswanderungs- zum Einwanderungsland? Wie begegnen Staat und Zivilgesellschaft den Neuankömmlingen? Welche Rolle spielen Religion und kulturelle Vielfalt im Alltag?
- Wie gestaltet sich die Lebensrealität subsaharischer Migrant*innen in Marokko – insbesondere von Frauen, Kindern und Jugendlichen ohne familiären Rückhalt?
- Welche Rolle spielen Sozialprojekte, humanitäre Hilfe, Rechtsberatung und Präventionsarbeit bei der Unterstützung von Migrant*innen?
- Welche Initiativen fördern Begegnung, Toleranz und gesellschaftlichen Zusammenhalt? Die grenzüberschreitende Kraft der Kunst erleben wir am Beispiel von Mal- und Kunstrecyclingprojekten mit therapeutischer, sozialer und einkommensschaffender Wirkung.
- Welche historischen und politischen Ursachen prägen Migration auf dem afrikanischen Kontinent – von der kolonialen Vergangenheit über neokoloniale Abhängigkeiten bis zur heutigen EU-Migrationspolitik? Welche besondere Rolle spielt dabei die spanische Exklave Ceuta?
- Wie verändern und bereichern Neuankömmlinge aus Ländern südlich der Sahara die marokkanische Gesellschaft kulturell und sozial?

Zum Ablauf der Reise
Unsere politische Bildungsreise eröffnet einen vielschichtigen Blick auf die Realität subsaharischer Migration in Nordmarokko. Ausgangspunkt ist Tanger – eine Stadt, die seit Jahrhunderten als Tor zwischen Afrika und Europa gilt. Von dort führt uns die Reise in die spanische Exklave Ceuta, wo wir auch übernachten und die europäische Außengrenze aus nächster Nähe erleben. Den Abschluss bildet Tétouan sowie der nahegelegene Küstenort Martil, wo wir den Verein „Conseil des Migrants Subsahariens“ besuchen.
Im Mittelpunkt stehen Begegnungen mit Menschen, deren Perspektiven in den politischen Debatten oft zu wenig Gehör finden. Wir sprechen mit Vertreter*innen von Nichtregierungsorganisationen, zivilgesellschaftlichen Initiativen und Universitäten ebenso wie mit Migrant*innen selbst, die von ihren Erfahrungen, Herausforderungen, Hoffnungen und Lebensprojekten berichten.
Wir besuchen soziale, kulturelle und solidarische Projekte, die konkrete Antworten auf Ausgrenzung und Unsicherheit entwickeln. Dabei lernen wir Kunst- und Kulturinitiativen kennen, die Gemeinschaft stiften, Einkommen schaffen und neue Perspektiven eröffnen. Je nach Projekt besteht auch die Möglichkeit, an kreativen Workshops teilzunehmen und mit den Beteiligten direkt ins Gespräch zu kommen.
Ziel der Reise ist es, die geographischen, historischen und politischen Dimensionen subsaharischer Migration in ihrer ganzen Komplexität zu verstehen. Zugleich eröffnet sie die Möglichkeit, Menschen und Initiativen kennenzulernen, die unter schwierigen Bedingungen neue Wege des Zusammenlebens entwickeln und gesellschaftlichen Wandel aktiv mitgestalten. Durch persönliche Begegnungen entsteht ein differenzierter Blick auf eine Region, in der sich zentrale Fragen von Migration, Menschenrechten, globaler Ungleichheit und internationaler Verantwortung verdichten.
Ein besonderer Aspekt der Reise ist ihr solidarischer Charakter: Rund 15 Prozent des Programmbudgets fließen direkt in Migrant*innenkollektive und humanitäre Projekte, die wir vor Ort besuchen.

Reiseleitung
Martin Paulus ist Geograph, Reiseleiter, Rhythmuspädagoge und Aktivist und begleitet seit vielen Jahren Gruppen in unterschiedlichen Bildungs- und Begegnungskontexten. Nach Stationen in der Journalist*innenbetreuung beim Bundespresseamt in Berlin sowie als Reiseleiter und Organisator in Marokko arbeitete er unter anderem als Yogalehrer und Stadtführer in Barcelona. Die gesellschaftlichen Umbrüche des 15M („spanischer Frühling“) und die Migrationstragödie an der Straße von Gibraltar führten zu einer beruflichen Neuausrichtung. Seither entwickelt er politische Bildungsreisen zu den Themen Resilienz, Migration und zivilgesellschaftliches Engagement, unter anderem in Barcelona, Tanger und Ceuta. Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen die kreativen und demokratischen Kräfte der Zivilgesellschaft.
Sprachmittlung übernimmt Martin selbst; oftmals können Englischkenntnisse von Vorteil sein.
Reisetermin
12.-16. April 2027
5 Programmtage, ganztags von Montag bis Freitag
Ein Auftakt- und Begrüßungsessen wird am Sonntag 11. April 2027 abends stattfinden.
An- und Abreise
Die Anreise erfolgt selbstorganisiert und bis zum Sonntagabend vor den Programmtagen; die Abreise wiederum ab dem darauffolgenden Samstag.
Wir empfehlen, den Bildungsurlaub mit einem längeren Aufenthalt oder einer Weiterreise im Land zu verbinden. Zügige und komfortable Bus- und teilweise auch Bahnverbindungen gibt es in alle marokkanischen Städte.
Wir freuen uns über jede*n Teilnehmende*n, die/der nach Marokko mit der Bahn und diversen Fähren über das Mittelmeer an- und abreist. Selbstverständlich gibt es auch viele günstige Flugverbindungen von verschiedenen deutschen Flughäfen aus.
Für Fragen zu An- und Abreise und zur Unterkunft steht die Reiseleitung zur Verfügung.

Kosten und Unterkunft
850 Euro
Der Teilnahmebeitrag umfasst die Unterkünfte, Programmkosten, Gruppentransporte sowie die Unterstützung der Organisationen, die wir besuchen.
Geplant ist die Unterbringung in zentrumsnahen, einfachen und guten Hotels in Tanger (Drei- Oder Vierbettzimmer), Ceuta und Tétouan (in beiden Städten in Doppelzimmern). Gegen einen Aufpreis von 100 Euro kannst Du auch in Einzelzimmern unterkommen.
Geplant wird diese Reise für eine Gruppengröße von 10 bis 12 Teilnehmenden.
Bildungsurlaub
Die Reise wird in Berlin als Bildungsurlaub mit 5 Arbeitstagen anerkannt. Eine Anerkennung in anderen Bundesländern hängt von den dortigen Regelungen ab.
Anmeldung
Bei Interesse, schreib gerne an marokko@iak-net.de.
