Resilienz-Stadt Barcelona: vom 15M zur Agenda 2030

Politische Reise nach Barcelona vom 5. bis 9. April 2027
Der politische Aufbruch, der aus der Bürger*innenrevolte des 15M (15. Mai 2011) hervorging, veränderte zahlreiche spanische Städte grundlegend. In Metropolen wie Madrid und Barcelona führte er zu einem bemerkenswerten Kurswechsel: weg von neoliberalen Regierungsmodellen, hin zu mehr Bürger*innenbeteiligung, konsequenter Korruptionsbekämpfung sowie sozial und ökologisch orientierter Stadtpolitik. Besonders Barcelona wurde zum internationalen Referenzprojekt dieses Wandels. Die neu entstandene Bewegung Barcelona en Comú stellte von 2014 bis 2022 die Stadtregierung. Mit der langjährigen Aktivistin Ada Colau erhielt die Stadt erstmals eine Bürgermeisterin, die aus sozialen Bewegungen hervorgegangen war. Während zwei Legislaturperioden wurden neue Formen demokratischer Mitbestimmung erprobt und ambitionierte Reformen auf den Weg gebracht.
Eine Stadt erfindet sich neu
Doch progressive Politik bleibt selten unwidersprochen. Das politische und wirtschaftliche Establishment reagierte früh auf den Machtverlust. Wie so oft bestimmen nicht allein politische Erfolge die öffentliche Wahrnehmung, sondern auch die Deutungshoheit über gesellschaftliche Entwicklungen. Rechtspopulistische und konservative Kräfte prägten zunehmend das öffentliche Narrativ und griffen dabei auf Instrumente zurück, die inzwischen weltweit zur Schwächung progressiver Bewegungen eingesetzt werden: Desinformation, Bot-Kampagnen und sogenannte Lawfare-Strategien. Auf diese Weise gelang es, sowohl die landesweit agierende Partei Podemos als auch die katalanischen Comuns und Ada Colau nachhaltig zu diskreditieren.
Gleichzeitig stehen Städte heute vor Herausforderungen von globalem Ausmaß. Das neue Leitmotiv lautet daher: Resilienz entfalten – die Fähigkeit, auf Krisen vorbereitet, vorausschauend und entschlossen zu reagieren. Da inzwischen nahezu zwei Drittel der Weltbevölkerung in urbanen Räumen leben, kommt Städten eine Schlüsselrolle zu. Innerhalb des internationalen Netzwerks MCR2030 (Making Cities Resilient) nimmt Barcelona eine wichtige Position ein.
Resilienz als politisches Projekt
Die Bandbreite der Herausforderungen und Lösungsansätze ist enorm: Verkehrs- und umweltpolitische Maßnahmen wie die weltweit bekannten Superblocks verteilen den öffentlichen Raum neu und gewinnen Lebensqualität zurück. Strategien gegen Gentrifizierung – von Mietpreisregulierungen bis zu Einschränkungen touristischer Kurzzeitvermietungen – sollen das Recht auf Wohnen sichern. Hinzu kommen Maßnahmen zur Armutsbekämpfung und zur Förderung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen, die Entwicklung demokratischer digitaler Plattformen für das Bildungswesen, ein präventiv orientiertes öffentliches Gesundheitswesen sowie die gezielte Unterstützung solidarökonomischer Initiativen wie des Netzwerks XES (Xarxa d’Economia Solidària) und selbstverwalteter Projekte wie Can Batlló oder Can Masdeu.

Zum Ablauf der Reise
Diese politische Bildungsreise eröffnet einen unmittelbaren Einblick in die gesellschaftlichen und politischen Transformationsprozesse Barcelonas. Gemeinsam erkunden wir aktuelle Projekte der Stadtverwaltung (Ajuntament de Barcelona) und der metropolitanen Körperschaft AMB (Àrea Metropolitana de Barcelona). Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Sozial- und Solidarökonomie, die inzwischen rund sechs Prozent der Beschäftigten und acht Prozent des katalanischen Bruttoinlandsprodukts umfasst.
Die Teilnehmenden erhalten Einblicke in zivilgesellschaftliche Initiativen und solidarwirtschaftliche Betriebe, die soziale Innovation konkret umsetzen: etwa eine multikulturelle Ausbildungsstätte im Gastronomiebereich, die Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus neue berufliche Perspektiven eröffnet, oder eine Kooperative für integrative Gesundheit. Im direkten Austausch mit den Beteiligten wird erfahrbar, wie gesellschaftlicher Wandel jenseits staatlicher Institutionen gestaltet wird.
Ein besonderer Fokus gilt dem Gelände von Can Batlló. Nach mehr als drei Jahrzehnten beharrlicher Nachbarschaftskämpfe begann hier die lange versprochene Transformation einer riesigen Industriebrache im Stadtteil Sants-Montjuïc. Heute ist das Areal Teil des dortigen Superblock-Konzepts und hat sich zu einer kreativen urbanen Oase entwickelt. Mit Bloc4BCN entstand hier zugleich das bedeutendste Zentrum zur Förderung der Sozialwirtschaft in Südeuropa. Auf rund 4.500 Quadratmetern finden bis zu 60 Unternehmen Platz, die die Kriterien des Netzwerks XES erfüllen.
Parallel dazu lernen wir das weit verzweigte Netz der Ateneus kennen. Diese Bildungs- und Kulturzentren haben in Katalonien eine lange Tradition und dienten bereits seit dem späten 19. Jahrhundert – insbesondere im Umfeld des Anarchosyndikalismus – der Wissensvermittlung, politischen Bildung und gesellschaftlichen Selbstorganisation.
Einen Perspektivwechsel bietet eine Wanderung durch die Collserola-Bergkette. Mit ihren über 8.000 Hektar zählt sie zu den größten Stadtparks Europas. Gemeinsam mit einem Forstingenieur erkunden wir die ökologische Bedeutung dieses einzigartigen Landschaftsraums für die Metropole Barcelona und ihre langfristige Widerstandsfähigkeit gegenüber den Folgen des Klimawandels.
Von dort führt uns der Weg nach Can Masdeu, einem Symbol erfolgreicher Nachbarschaftsbewegungen und gelebter sozial-ökologischer Alternativen. Hier verbinden sich jüngere Stadtgeschichte, praktische Utopie und gemeinschaftliches Handeln. Gemeinschaftsgärten und lokale Selbstorganisationsformen zeigen eindrücklich, wie soziale und persönliche Resilienz im Alltag entstehen können.
Was bleibt? Lehren aus dem Barcelona der Bewegungen
Diese Reise bietet weit mehr als eine klassische Stadtbesichtigung. Sie ermöglicht eine umfassende Bestandsaufnahme des progressiven metropolitanen Zeitgeists Barcelonas und macht erfahrbar, wie das Engagement sozialer Bewegungen erstmals seit dem Ende der Diktatur nachhaltig in Stadtparlamente und Regierungsebenen hineinwirkte – und Reformen ermöglichte, die lange Zeit als undenkbar galten.
Barcelona wird dabei nicht als fertiges Erfolgsmodell präsentiert. Vielmehr begegnen wir einer Stadt, die weiterhin um soziale Gerechtigkeit, demokratische Teilhabe und ökologische Zukunftsfähigkeit ringt. Gerade darin liegt ihre politische Bedeutung: als lebendiges Labor gesellschaftlicher Transformation und als Inspirationsquelle für alle, die nach Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit suchen.

Reiseleitung
Martin Paulus ist Geograph, Reiseleiter, Rhythmuspädagoge und Aktivist und begleitet seit vielen Jahren Gruppen in unterschiedlichen Bildungs- und Begegnungskontexten. Nach Stationen in der Journalist*innenbetreuung beim Bundespresseamt in Berlin sowie als Reiseleiter und Organisator in Marokko arbeitete er unter anderem als Yogalehrer und Stadtführer in Barcelona. Die gesellschaftlichen Umbrüche des 15M („spanischer Frühling“) und die Migrationstragödie an der Straße von Gibraltar führten zu einer beruflichen Neuausrichtung. Seither entwickelt er politische Bildungsreisen zu den Themen Resilienz, Migration und zivilgesellschaftliches Engagement, unter anderem in Barcelona, Tanger und Ceuta. Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen die kreativen und demokratischen Kräfte der Zivilgesellschaft.
Reisetermin
5. bis 9. April 2027
5 Programmtage, ganztags von Montag bis Freitag
Ein Begrüßungsessen wird am Sonntag, 4. April 2027, abends stattfinden.
An- und Abreise
Die Anreise erfolgt selbstorganisiert und bis zum Sonntagabend vor Programm; die Abreise wiederum ab dem darauffolgenden Samstag.
Wir freuen uns über jede*n Teilnehmende*n, die/der nach Barcelona mit der Bahn an- und abreist. Selbstverständlich gibt es auch viele günstige Flugverbindungen von verschiedenen deutschen Flughäfen aus.
Für Fragen zu An- und Abreise und zur Unterkunft steht die Reiseleitung zur Verfügung.

Kosten und Unterkunft
Teilnahmebeitrag für Bildungsprogramm: 400 Euro
Dieser Teilnahmebeitrag beinhaltet Transport vor Ort, Programmkosten, Spenden an Organisationen und sämtliche Honorare. Die An- und Abreise, Unterkunft, sowie Verpflegung sind im Teilnehmendenbeitrag nicht enthalten.
Geplant wird diese Reise für eine Gruppengröße von ca. 10 Teilnehmenden.
Für diese Reise haben wir große und schöne Ferienwohnungen im Stadtteil Sant Martí, unweit der Sagrada Família und Parc de les Glòries, reserviert, in der es mehrere Doppel- und Mehrbettzimmer gibt. Die Apartments verfügen über Küche/Küchenzeile, einen gemeinschaftlichen Wohnbereich mit TV, je ein eigenes Bad, Klimaanlage, sowie kostenloses WLAN.
Zwei Einzelzimmer sind gegen Aufpreis verfügbar.
Die Unterbringung in der Ferienwohnung wird separat vom u. g. Teilnahmebeitrag in Rechnung gestellt und staffelt sich wie folgt:
- Im Vierbettzimmer (Etagenbetten): 40 Euro pro Person/Nacht, insgesamt also 240 Euro
- Im Doppelzimmer (2 Einzelbetten): 60 Euro pro Person/Nacht, insgesamt also 360 Euro
- Im Einzelzimmer: 100 Euro/Nacht, insgesamt also 600 Euro
Falls Du nicht in der Gemeinschaftsunterkunft übernachten möchtest, kannst Du Dir selbstverständlich auch selbstorganisiert ein Hotel- oder Hostelzimmer oder eine andere Unterkunft suchen und auf eigene Kosten bezahlen. Gerne empfehlen wir Hotels und Stadtteile.
Bildungsurlaub
Die Reise wird in Berlin als Bildungsurlaub mit 5 Arbeitstagen anerkannt. Eine Anerkennung in anderen Bundesländern hängt von den dortigen Regelungen ab.
Anmeldung
Bei Interesse, schreib gerne an barcelona@iak-net.de.
