Utopia Revisited

Ein Bericht einer Reise nach Italien/Kalabrien 2026
Ausgerechnet im faschistischen Italien Giorgia Melonis stößt eine politische Bildungsreise an der europäischen Außengrenze auf überraschende Entwicklungsperspektiven. Ist das Riace/Camini-Modell einer „lokal eingebetteten Migration“ gescheitert – oder kann es auch strukturschwachen Regionen Europas oder gar dem ostdeutsche Vorpommern neue Impulse geben?

Von Daniel K. W. Trepsdorf

Vincenzo Franco, Il volo degli uccelli migratori, Riace, 2025. Foto: Vincenzo Franco Art (@vincenzofrancoart).

Es gibt Begriffe, die sich sowohl im Alltagsdiskurs als auch in den Medien festsetzen wie schlechte Gewohnheiten: „hereinbrechende Flüchtlingswelle“, „Migrationsdruck“, „Ansturm von Menschen“, „Überfremdung“ — Vokabeln, die wahlweise Naturereignisse oder rechte Verschwörungsideologien evozieren. Ganz so, als handele es sich bei Migration um ein unkontrollierbares Geschehen, das Gesellschaften wie eine biblische Geißel heimsucht. Doch Zuwanderung ist kein Erdbeben, kein Tornado, kein Schicksalsschlag. Sie ist menschengemacht, sie hat soziale, ökologische wie ökonomische Ursachen, sie ist historisch gewachsen, politisch gestaltbar. Und vor allem: Sie birgt Auseinandersetzungen im Sinne von Chancen — wenn man diese der Verantwortung und dem Veränderungswillen der Menschen und keinem starren technokratischen Apparat überlässt. 

Ein Blick nach Kalabrien im Süden Italiens (an der „Spitze des Stiefels“) zeigt, wie anders der Umgang mit dem Themenkomplex „Flucht und Asyl“ aussehen kann. Der sonnenverwöhnte Landstrich ist geprägt durch schroffe Berge, pittoreske mittelalterliche Dörfer und eine vielgestaltige Küste mit beliebten Stränden. Die größte Stadt, Reggio Calabria, liegt dito am Meer (unweit der Meerenge von Messina) und beherbergt das Museo Archeologico Nazionale, das die eindrucksvollen Bronzestatuen von Riace — zwei berühmte griechische Krieger aus dem 5. Jh. v. Chr. — in seiner Sammlung zeigt. Die Region gehört seit Jahrzehnten zu den strukturschwächsten Gegenden Europas. Ganze Dörfer sind ausgedünnt, Häuser verfallen, weil junge Menschen wegziehen. Arbeit fehlt, weil Investitionen, Perspektiven und das Erleben von Selbstwirksamkeit Mangelware sind. Gleichzeitig erreichen kontinuierlich Geflüchtete über das Mittelmeer die Küsten des Ionischen Meeres und dessen vorgelagerter Inselwelt – erschöpft, oft traumatisiert, aber mit Fähigkeiten, Hoffnungen, Ambitionen. Fakt ist: Die europäische Außengrenze ist die tödlichste auf diesem Globus. Seit Beginn der systematischen Erfassung im Jahr 2014 sind allein bis Anfang 2026 rund 35.000 Geflüchtete im Mittelmeer ertrunken.[1] Offiziell. Gleichsam ist die mediale Beschäftigung mit dem Thema „Tod auf der Flucht“ seit den dramatischen Bildern vom leblosen Körper des Flüchtlingskindes Alan Kurdi an einem türkischen Strand in 2015 merklich abgeflacht. Andere Schlagzeilen fordern unsere ganze Aufmerksamkeit. — Wir erinnern uns: Am tragischen Schicksal des verirrten Buckelwals Timmy, der seit März dieses Jahres in der Ostsee vor der Insel Poel dahinsiecht, nehmen Millionen Deutsche emotional Anteil. Alle nationalen Leitmedien schrieben plötzlich elegisch über das Leben und Martyrium eines Wals vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns. Demonstrant*innen erhoben ihre Megafone und forderten die Rettung des Meeressäugers. Millionär*innen, Verschwörungsideolog*innen und auch Rechtsextremist*innen entdeckten ihr Herz für den Tierschutz. Petitionen fanden zehntausende Befürworter*innen. MVs Landwirtschaftsminister Till Backhaus rang auf Pressekonferenzen sichtlich um Fassung. Verständliche Betroffenheit allerorten. Und die verlässliche Empörungsmaschinerie der sozialen Netzwerke machte ob der unterstellten staatlichen Untätigkeit das Internet zum größten digitalen Treibnetz dieses Planeten, in dem sich in erster Linie Hass und Hetze verfingen.

Im selben Zeitraum starben mindestens 95 Personen[2] in maroden, hochseeuntauglichen, heillos überladenen und schließlich gekenterten Flüchtlingsbooten vor der Südküste Italiens. Dutzende tote Körper, die geborgen wurden, und deren Namen bis heute niemand kennt. Eine mögliche Erklärung: Der Meeressäuger wird nicht als potenzieller Ressourcenkonkurrent (Arbeit, Wohnraum, Zahnarzttermin und Kitaplatz etc.) wahrgenommen, Migrant*innen schon. Beim Wal schränkt somit nichts unser Mitgefühl, unsere Solidarität ein. Es kostet halt auch nicht das Mindeste.

Dagegen haben wir die Bezeichnungen von Geflüchteten-Camps wie Lampedusa oder den umstrittenen Aufnahmezentren in Albanien (Gjader und Shëngjin) sehr wohl auf dem Schirm. Letztere ließ die Regierung in Rom zur „Kanalisierung des Flüchtlingsstroms“ einrichten. 

Wenn die Hoffnung die Seite wechselt: Kalabrien wagte beim Thema Flucht & Asyl neue Wege

Zurück auf’s kalabrische Festland: Aus der latent anhaltenden demografischen wie wirtschaftlichen Krise in der Region, ist in Orten wie Riace oder Camini bereits vor knapp zwei Dekaden ein Experiment entstanden, das sich der Logik von Abschottung und Lagerunterbringung widersetzt. Statt Geflüchtete in isolierten Camps einzuquartieren, wurden sie gezielt in entvölkerte Dörfer integriert. Modellprojekte, die vor der stacheldrahtbewährten Abschreckungskulisse der europäischen Flüchtlingspolitik rar geworden sind. Leerstehende Häuser wurden bewohnbar gemacht, kleine Werkstätten aufgebaut, lokale Infrastrukturen reaktiviert, subsistenzwirtschaftliche Strukturen mit regionalen Produkten und Marktleben wiederbelebt. Was zunächst wie ein pragmatischer Notbehelf wirkte, entwickelte sich rasch zu einem sozialen Labor. Auch der Dienstleistungssektor, Tourismus, Kunst- und Kulturprojekte konnten im so gen. Mezzogiorno (so nennen die Italiener*innen den ökonomisch degradierten Süden) mit neuen Impulsen versehen werden. 

Die Idee dahinter ist so einfach wie radikal: Menschen, die ankommen, sind keine Last, sondern potenzielle Mitgestalter*innen. Wenn man so will auch „personifizierte Defibrillatoren“ in Regionen, die unter sozioökonomischen Herzrhythmusstörungen bzw. demografischem Kammerflimmern leiden. In Camini etwa wurde dieser Ansatz konsequent und systematisch verfolgt. Das kleine Dorf, welches unter dem Schutzpatron San Nicola steht, zählt etwa 800 Einwohner*innen. Zirka 17 Prozent von ihnen haben derzeit einen multiethnischen Hintergrund. Camini konnte durch die progressive Integration von internationalen Neubürger*innen seine Einwohnerzahl erhöhen und stabilisieren. Die Infrastruktur des Ortes wurde durch den Zuzug aus aller Welt revitalisiert. Das benachbarte Riace war vom Ansatz her sehr viel politischer und linksprogressiv-aktionistischer in Sachen Geflüchteten-Arbeit ausgerichtet. In Camini indes verfolgen die Initiator*innen der „Cooperativa Sociale Jungi Mundu“ („Sozialgenossenschaft Vereinte Welt“) durch innovative Integrationsmodelle einen eher pragmatischen Ansatz: „Nicht den gesamten Erdkreis wolle man retten, sondern schlicht und ergreifend das Dorf vor der eigenen Haustür“, wie Rosario Zurzolo, Vorsitzender der Kooperative „Jungi Mundu“, im Interview betont. Agrarwirtschaft, kleine Handwerksbetriebe, lokale Märkte — all das erhielt neuen Auftrieb. Geflüchtete arbeiten nicht nur oder lernen Italienisch. Im Gegenteil: sie engagieren sich mit im Gemeinwesen, sie gestalten das Alltagsleben der Kooperative und des Dorfes, bringen eigene Kenntnisse und Erfahrungen mit ein. Gleichzeitig profitieren auch die Alteingesessenen: Kitas und Schulen blieben geöffnet, weil wieder Kinder und Jugendliche da waren; Geschäfte fanden Kundschaft; soziale Strukturen stabilisierten sich.

Rosario Zurzolo, Vorsitzender der Sozialgenossenschaft „Jungi Mundu“ („Vereinte Welt“), Foto: Daniel K. W. Trepsdorf

Die Dorfbar wird ganzjährig als soziale Anlaufstelle betrieben. Die Region gewinnt dergestalt nachweislich an Attraktivität. Zumindest zeitweise. Denn auch diese konstruktiven Ansätze lokal eingebetteter Migration benötigen gesellschaftspolitische Kontinuität, Unterstützung und Planbarkeit, wenn sie auf Dauer erfolgreich sein wollen. In den zurückliegenden zehn Jahren waren über 4.000 Geflüchtete in den Projekten von „Jungi Mundu“ in und um Camini unterwegs. Sie fanden ein erstes Zuhause in der Fremde, sozialen Anschluss, haben sich in Werkstätten qualifiziert, wurden psychologisch unterstützt und haben die Sprache der neuen Heimat gelernt. – Im Schnitt nach zwei bis drei Jahren ziehen die meisten Menschen weiter, um sich andernorts eine Existenz aufzubauen. 

Fatima kam vor drei Jahren aus Syrien nach Camini. Sie hat in Italien zu Ende studiert und ist mit der Arbeit der Kooperative „Jungi Mundu“ bestens vertraut. In Zusammenarbeit mit den italienischen Behörden werden auch Kita und Schule betrieben. Während des Interviews verweist Fatima auf die wesentliche Grundvoraussetzung für den Erfolg in Camini – „die lokale Verortung und Vernetzung der Initiator*innen des Projektes.“ Zudem setzte die Genossenschaft zunächst primär auf die Unterbringung und Integration von Familien. Immer deutlicher wird in den Gesprächen mit den Dorfbewohner*innen allerdings ebenso, dass Migration als soziales Konstrukt nur dann erfolgreich funktionieren kann, wenn sie reziprok verwirklicht wird — die Neubürger*innen müssen sich anpassen, aber auch die Gemeinschaft der Alteingesessenen hat eine gewisse Veränderungsbereitschaft einzubringen.

Bei einer Exkursion durch die Gegend wird diese Entwicklung greifbar, die Schicksale und Geschichten erhalten konkrete Gesichter. Die Landschaft — karg, aber von eigentümlicher Schönheit im Schatten knorriger Olivenbäume geprägt — erzählt von jahrhundertelanger landwirtschaftlicher Nutzung, die noch gestern oft aufgegeben wurde. Gespräche mit Aktiven der Sozialgenossenschaft „Vereinte Welt“ verdeutlichen, dass diese Projekte keine romantischen Utopien sind, sondern Ergebnis zäher politischer und sozialer Aushandlungen. Migration wird hier nicht verklärt, sondern konkret von der Waagschalenseite der Lösungs- und Chancenorientierung organisiert. 

Hamsa kam 2016 aus Damaskus und u. a. den Libanon über einen humanitären Korridor nach Kalabrien. Seine Schwester begleitete ihn. Er betreibt eine Töpferei in Camini. In dieser gibt er auch Kurse für Einheimische und Geflüchtete, wo diese ins Gespräch kommen: „Nur, wenn wir gemeinsam arbeiten und leben, können wir Vorurteile abbauen“, meint Hamsa. Im Grunde haben das Leben in einer zugewandten Gemeinschaft sowie die Arbeit mit dem feucht-warmen Ton einige entscheidende Dinge gemeinsam, so der Keramiker sinngemäß: Beide muss man formen und gestalten, solange sie noch nicht allzu verhärtet sind. Mit Kraft und Sensibilität. Bei zu viel Druck von außen können beide rissig werden, Schaden nehmen oder gar zerbrechen. Und überhaupt: Eine Gesellschaft muss immer in Bewegung bleiben, um soziale Ungerechtigkeiten auszugleichen. Ganz so, wie die Schwungkraft einer rotierenden Töpferscheibe dies bewirkt.

Ganz so, wie Hamsa es tut, der mit viel Humor und einem Augenzwinkern seiner Arbeit nachgeht. Auch wenn die Euphorie der Anfangsjahre Blessuren bekommen hat und Wim Wenders Kurzfilm «Il Volo», auf Deutsch „Der Flug“ von 2009/10, über die Umstände der Willkommenskultur in Kalabrien ein wenig Patina angesetzt hat, so bleibt der Themenkomplex Flucht, Migration und Asyl doch eine essenzielle Herausforderung für die EU in ihren Beziehungen zu ihren Nachbar*innen.

Was meint die Wissenschaft? 

Mario Ricca ist Professor für interkulturelles Recht an der Universität Rom. Er hat qualitativ und fallstudienbasiert in den zurückliegenden 15 Jahren zu dezentralen Integrationsprojekten, wie sie in Riace oder Camini lokal realisiert werden, geforscht. Ricca spricht von der „embedded integration“ (Einbettung von Migrant*innen im Alltag statt Separierung oder Isolation in Refugee-Camps). Untersuchungen zeigen, dass dadurch die soziale Kohäsion in einer Region steigt, lahmende Infrastruktur revitalisiert werden kann, Leerstand produktiv genutzt wird und lokale Ökonomien tendieren dadurch zur Diversifizierung. Zuwanderung fungiert insofern als „Motor für regionale Wiedergeburt“. Der Kerngedanke aus der Wissenschaft: Integration und Regionalentwicklung können als sozioökonomisch gekoppelte Prozesse funktionieren. Insbesondere dann, wenn eine starke Zivilgesellschaft in diese Entwicklung mit eingebunden wird. Einige Defizite bleiben trotz allem. Denn bislang fehlen Langzeitdatensätze, systematische Vergleichsstudien sowie belastbare ökonomische Kennzahlen zur Fortentwicklung des Projektansatzes.[3] Kritiker*innen des Konzeptes, wie der bekannte Lega-Politiker Matteo Salvini (Italienischer Innenminister 2018–2019, aktuell Minister für nachhaltige Infrastruktur), oder der Mailänder Soziologe Maurizio Ambrosini, unterstreichen hingegen die ökonomische Fragilität des Ansatzes. Die Skeptiker*innen einer dezentralen Migrationspolitik („place-based migration governance“) verweisen u. a. auf die strukturelle Vulnerabilität lokaler Wirtschaftsprojekte sowie die grundständige Abhängigkeit von staatlichen Alimentierungsmaßnahmen (indes: Welche ländliche Region Europas ist darauf nicht angewiesen, um ausgeglichene Lebensverhältnisse im Land zu schaffen?). Ebenso waren in jüngster Vergangenheit die Verwundbarkeit der Integrationsprojekte gegenüber rechtlich-bürokratischen und politischen Rahmenbedingungen oder auch das von rechten Kräften hochgejazzte partielle Missmanagement im Vergabeverfahren von Fördergeldern (der „Fall“ Domenico Lucano, 2024 wiedergewählter Bürgermeister von Riace, der heute im EU-Parlament sitzt) wiederholt Thema öffentlicher Konfrontation gewesen. 

Licht und Schatten bei der Auseinandersetzung mit Migration vor Ort

Ein anderer Ort, Rosarno, zeigt den krassen Gegensatz zum Riace/Camini-Modell. Rosarno ist ein fatales Beispiel gescheiterter Integration. Hier arbeiten viele migrantische Saisonarbeiter*innen unter prekären Bedingungen in der Landwirtschaft. Niedrige Löhne, unsichere Unterkünfte in Holzbaracken (die nicht selten in Flammen aufgehen), es herrscht weitgehende Rechtlosigkeit — ein System, das von Ausbeutung lebt, und sich wie ein Raubtier durch die Orangenplantagen Kalabriens frisst. Damit geflüchtete Jugendliche und verzweifelte Arbeitssuchende nicht in solche Verhältnisse geraten, unterstützt die Initiative „Pathos“ in Caminis Nachbarstadt Caulonia Projekte. Etwa mit juristischem Beistand und professioneller sozialer Arbeit für Betroffene. Einer davon ist Mehedi. Er kam als 16-Jähriger aus Bangladesch u. a. über Sri Lanka, Kuweit und Libyen als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Kalabrien. In Nordafrika und auf dem Mittelmeer hat er Menschen unter unwürdigen Bedingungen sterben sehen. Sobald sein Italienisch besser ist, möchte er gern eine Ausbildung beginnen. 

Gerade für unbegleitete minderjährige Geflüchtete ist der Anschluss an professionell organisierte Jugendhäuser und sozialpädagogisch aufgestellte Initiativen wichtig, um nicht in prekären Daseinsumständen oder gar in der organisierten Jugendkriminalität zu landen. Denn ebenso die ‚Ndrangheta, die kalabrische Mafia, hat in puncto Nachwuchs-Rekrutierung ein Auge auf die Geflüchteten geworfen. Insbesondere die „immigranti irregolare“ (dt. „unregelmäßige Einwanderer“) oder „privo di documenti“ (dt. „jene ohne Dokumente“), wie sie auch genannt werden, sind rechtlos und schnell in Abhängigkeit zu bringen. Capitalism as it’s worst. Der Kontrast zu Camini könnte größer kaum sein. Während dort Integration als gemeinschaftliche Aufgabe verstanden wird, bleibt sie in Rosarnos „Badlands der Plantagenwirtschaft“ fragmentiert und funktionalisiert. Dort bleibt der Mensch objektiviert und vom Status her seiner Würde beraubt.

Weiten wir den Bezugsrahmen, wird uns klar, dass die wirtschaftliche sowie soziale Situation im Mezzogiorno auch weiterhin durch eine deutlich schwächere Ökonomie, hohe Arbeitslosigkeitinsbesondere Jugendarbeitslosigkeit – und strukturelle Rückständigkeit im Vergleich zum reichen Norden Italiens gekennzeichnet sein wird. Auch Probleme der Region, die latent unter dem Exodus junger Menschen, unter Korruption, grassierendem Rechtsextremismus und dem Einfluss organisierter Kriminalität leidet, sollen nicht unterschlagen werden. Jedoch gibt es ebenfalls auch beeindruckende Lichtblicke, wie ich sie weiter oben dargestellt haben.

Chancen und Perspektiven in unterschiedlichen Regionen Europas 

In einem Gespräch mit dem Arte machte Domenico „Mimmo“ Lucano als Bürgermeister von Riace klar, dass er trotz aller Widerstände aus Rom an seiner Vision von einer „gelingenden Migrationspolitik, die die Würde des Menschen im Blick hat und die auch global funktionieren kann“, festhält.[4] Dafür kämpft er nun auch in Brüssel: mit Menschlichkeit und dem tieferen Wunsch nach einer besseren Welt.

Im nur drei Kilometer entfernten und hinter alten Olivenhainen liegenden Nachbarort Camini, denkt sein Amtskollege im persönlichen Interview in eine ganz ähnliche, wenn auch eher pragmatische Richtung. Caminis Bürgermeister, Giuseppe „Pino“ Alfarano, hat in Mailand Architektur studiert und in Florenz ein Baubüro betrieben. Den Kontakt zu seinem Heimatdorf hat er indes niemals abgebrochen. In der Vergangenheit bestürzte ihn der Niedergang des ländlichen Raums aufgrund des demografischen Wandels und der wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit. Pino war ein wichtiger Ideengeber für die Gründung der Genossenschaft in Camini: „Mein Dorf sollte keine Geisterstadt (ital. „Città fantasma“) werden.“ Er ließ sich vom Geflüchteten-Projekt im benachbarten Riace inspirieren. Im Jahr 2009 starteten dann nach Eingang des Förderbescheids aus Rom die ersten Aufnahmen von Geflüchteten aus Afrika und Nahost. „Am wichtigsten ist es, die lokale Dorfgemeinschaft mitzunehmen und an dem Integrationsprozess teilhaben zu lassen,“ merkt Pino an. „Sobald das Projekt von der Mehrheit der Menschen vor Ort als ‚unser Dorfprojekt‘ anerkannt wurde, konnte es — aller anfänglichen Rückschläge zum Trotz — einen guten Verlauf nehmen.“ Camini ist heute ein anerkanntes Beispiel dafür, wie die Aufnahme von Geflüchteten jenseits von anonymen Refugee-Massencamps gelingen kann. Man muss vor dieser Bühnenblende verstehen: Camini ist kein Dorf mit einem Geflüchtetenprojekt. Camini ist ein kalabrisches Dorf, welches mit Zuversicht Regionalentwicklung gegen den eigenen demografischen, sozialen und wirtschaftlichen Niedergang betreibt. Dabei greift das Dorf u. a. auf Instrumente der Geflüchteten- und Integrationsarbeit zurück.

Giuseppe „Pino“ Alfarano, Bürgermeister von Camini, im Interview. Foto: Daniel K. W. Trepsdorf

Eine ähnlich gelagerte Motivation treibt auch den bekannten italienischen Künstler Vincenzo Franco an. Sein Wandbild („Mural“) an einem Haus in Riace trägt den Titel „Il volo degli uccelli migratori“ (dt. „Der Flug der Zugvögel“).[5] Die Botschaft ist glasklar. Der Satz verknüpft die natürliche Migration von Tieren mit dem menschlichen Grundrecht auf Bewegung, Selbstverwirklichung und freie Entfaltung. Das Mural setzt ein Zeichen gegen Rassismus, Ausgrenzung und physische wie ideologische Mauern, die wir bei emotional aufgeladenen Bergriffen wie „Flucht“ oder „Asyl“ nicht selten in unseren Köpfen vorfinden. Beim genaueren Hinsehen wird indes auch deutlich, wie stark lokale Initiativen von nationalen politischen Rahmenbedingungen abhängen. Rechtspopulistische Narrative, die Geflüchtete als „Bedrohung“ darstellen, erschweren die Arbeit vor Ort erheblich. Migration wird von der ultra-nationalkonservativen Regierung Meloni politisch instrumentalisiert, Ängste werden geschürt, komplexe Zusammenhänge auf einfache Feindbilder reduziert. Das kommt mir bekannt vor: Erleben wir doch in Mecklenburg-Vorpommern entlang der Ostseeküste seit Jahren einen ganz ähnlichen Diskurs, obwohl Riace und Camini knapp 2.500 Kilometer von Upahl und Grevesmühlen in Vorpommern entfernt ist. Das europäische Haus hat viele Zimmer oder eben Regionen. So wie sich die sozial gehobenen „Ballsäle“ und schmucken parlamentarischen Repräsentationsräume in Metropolen wie Madrid, Paris, über Brüssel, Berlin, Rom, bis hin nach Warschau ähneln, so gleichen sich auch die Hinterhöfe und ländlichen Regionen auf ihrer Suche nach einer lebenswerten Zukunft. Die Menschen in Anklam und Uckermünde wollen ihre Heimat und ihre familiäre Identität ebenso wenig aufgeben, wie die Leute in Camini oder Riace. Und nun könnten es ausgerechnet die heimatverlorenen Geflüchteten aus Nahost und Afrika sein, die die Regionen in ruralen Gebieten durch ihre Initiative wieder lebenswerter machen? Wäre dies nicht eine klassische Win-Win-Situation?

Dabei zeigt speziell das Beispiel Kalabrien, dass ein Perspektivwechsel möglich ist. Entscheidend ist das Narrativ: Wird Migration ausschließlich als Problem definiert, das es zu begrenzen gilt, oder als Prozess, der gestaltet werden kann? In Camini hat sich – zumindest zeitweise – eine andere Erzählung durchgesetzt. Eine, die nicht auf Abwehr und Ressentiment setzt, sondern auf Beteiligung. Nicht auf Konkurrenz, sondern auf soziale Synergie im Alltag, gelebte Solidarität und wirtschaftliche Kooperation.

Diese Erfahrungen lassen sich gewiss nicht eins zu eins übertragen und skalieren. Und doch stellt sich die Frage, die auch für andere Regionen Europas relevant ist — etwa für besagte ländliche Räume in Mecklenburg-Vorpommern. Denn hier wie dort sind demografischer Wandel und Abwanderung zentrale Herausforderungen. Dörfer verlieren Einwohner*innen, da die junge Generation in ihrer elterlichen Heimat keine Zukunft mehr verortet, Infrastruktur wird zurückgebaut, Kliniken schließen, Facharzttermine sind kaum zu bekommen, Züge halten nicht mehr, wirtschaftliche Dynamik bleibt aus. Könnte ergo ein Modell wie in Kalabrien in degradierten Regionen Ostdeutschlands funktionieren? Vielleicht nicht identisch, aber in Teilen durchaus. Voraussetzung wäre ein politischer Wille, der über kurzfristige Integrationsmaßnahmen hinausgeht. Es bräuchte Konzepte und Modellprojekte, die Geflüchtete nicht nur unterbringen und verwalten, sondern proaktiv einbinden: in lokale Ökonomien und Bildungsstrukturen, in soziale Netzwerke, in kulturelle Prozesse. Kurzum: in die Gestaltung demokratischer Kultur vor Ort im peripheren Raum. Anknüpfungspunkte gibt es auch in Vorpommern genug: Landwirtschaft, Tourismus, der Vertrieb regionaler Produkte, Soziokultur – all das sind konkrete Arbeitsfelder oder zumindest Denkräume, in denen Kooperation entstehen kann. Auch im ruralen Mecklenburg-Vorpommerns tragen Landwirtschaftsbetriebe schwer in puncto Arbeitskräftemangel und Nachwuchssorgen. Ähnliches gilt für den Tourismus sowie im Dienstleistungsgewerbe, wo es zwischen Boizenburg/Elbe und Zinnowitz (Usedom), von Prerow (Darß) bis nach Wesenberg im Ruppiner Seengebiet viel Platz für notwendige Zuwanderung und frische Ideen gibt.

Kulturelle Veränderungsprozesse – Kunst als Hebel, Transformationsanker und als Chance zur Annäherung hervorheben 

Dabei geht es nicht nur um ökonomische Effekte, wie ich weiter oben mit Verweis auf die Kunst von Vincenzo Franco bereits eigeleitet habe. Migration verändert auch kulturelle Räume. Sie bringt neue Wahrnehmungen, Perspektiven, ungewohnte Geschichten, fremdartige Ausdrucksformen. Ein Beispiel gibt hier das Theaterprojekt „AERO — A European Refugees Odyssey“, einer grenzüberschreitenden Kooperation des Künstler*innen-Kollektivs „theater:playstation“, der kalabrischen Kulturinstitution „Nastro di Moebius”, den Darsteller*innen des Eastern Theatre in Lublin und den Schauspieler*innen und Dramaturg*innen der „Fabrika12“ in Spanien. In künstlerischen Reflexionen, die sich etwa auf Homers „Odyssee“ beziehen, wird die Frage nach dem menschlichen „Zuhause“ als mythisch aufgeladenem Bewusstseinsort neu gestellt. Ist es eine Region? Ein Zustand? Eine Beziehung? Für viele Geflüchtete bleibt es ein bewegliches Konzept – etwas, das sich erst im Ankommen sowie in der gelingenden Beziehungsgestaltung mit Alteingesessenen an der neuen Heimstatt ausformt.

Der kalabrische Zeichner und Grafiker Francesco Piobbichi, der selbst im berüchtigten Geflüchteten-Camp auf Lampedusa tätig gewesen ist, erinnert mit seinen Werken an die inhumanen Erschütterungen, die der offizielle Umgang mit den Fluchtbewegungen auf dem Mittelmeer mit sich bringt. Piobbichi bemüht in seinen Werken ebenfalls die klassische antike Mythologie: Medusas Schlangenhaupt wird zu Stacheldraht; der zyklopische Riese Polyphem verschlingt unersättlich die Menschen, deren Flucht gescheitert ist; und im Mittelmeer versinken die namenlosen Körper vieler Migrant*innen, die symbolisch als Federn ins Dunkel der See entschwinden. Der Künstler ist gleichsam als politischer Bildner unterwegs. Er erinnert an die oft ungehörten Traumata der Geflüchteten und er mahnt gleichzeitig Regierungen, Administration und Gesellschaften in der EU, ihren eignen Ansprüchen an Demokratie und Menschenrechte endlich gerecht zu werden. 

Diese Ideen und Formen der Auseinandersetzung könnten zum Ausgangspunkt eines größeren europäischen Narrativs avancieren: einer „Flüchtlings-Odyssee“, die nicht nur die Wege des Ankommens nachzeichnet, sondern auch die Möglichkeiten des Zusammenlebens auslotet. Migration wäre dann nicht mehr lediglich Gegenstand politischer Debatten, sondern Teil einer gemeinsamen Erzählung, die so alt ist, wie die Menschheit selbst. Denn Menschsein heißt und hieß stets: Unterwegs sein, sich neu erfinden und an wechselnde Verhältnisse anpassen zu müssen; Fremdheit überwinden und sich im besten Sinne zu eigen machen, sich anderen gegenüber erkennen zu geben und dadurch erkenntlich zu zeigen. Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber beschrieb dies mit dem Satz: „Die Welt ist dem Menschen zwiefältig.“ Er meinte damit, dass unsere Haltung zur Welt – und zum fremden Anderen – zwischen zwei Grundhaltungen wechselt: „Ich-Du (Beziehung, Begegnung)“ sowie „Ich-Es (Nutzung, Erfahrung)“. Diese „Zwiefältigkeit“ (Zweiteilung) bedeutet, dass wir Dinge/Menschen entweder als persönliche Gegenüber wertschätzen oder als neutrale Objekte gebrauchen. Letzteres hat viel mit der unterkühlten Distanz zu tun, mit der wir das Thema Flucht und Asyl in Europa diskutieren. Die Buber’sche „Ich-Es (Erfahrung)“ entspricht der Haltung, in der wir die Welt und unser Gegenüber als Objekt betrachten, analysieren oder benutzen. Diese Haltung hilft bei der technischen Bewältigung des Alltags, ist aber keine eigentliche Beziehung. Im anderen Pol erleben wir die „Ich-Du (Beziehung)“: Eine Begegnung auf Augenhöhe, die den anderen als Subjekt anerkennt (Mensch, Natur, Werte, Überzeugungen). Hier geschieht wahrhaftige Begegnung („Der Mensch wird am Du zum Ich“). 

Ein Fazit 

Am Ende steht eine einfache, aber unbequeme Erkenntnis: Migration ist das, was wir daraus machen. Sie kann spalten – oder verbinden. Sie kann Ängste verstärken – oder neue Perspektiven eröffnen. Die Beispiele aus Kalabrien zeigen, dass es Alternativen zum europäischen Narrativ forcierter Abschottung und inhumaner Abschreckung gibt. Sie sind nicht perfekt, nicht frei von Konflikten. Aber sie widersprechen der Vorstellung, Migration sei ein unkontrollierbares, schicksalhaftes Naturereignis, welches wie der Donnerwolkenhimmel grollend über uns einstürzt. 

Vielleicht ist genau das der erste Schritt: die Sprache zu ändern und konstruktive Geschichten über gelingende Ansätze zu erzählen, wo aus Fremden schließlich Nachbarn wurden. Weg von den Bildern der Katastrophe, hin zu einer Beschreibung, die Handlungsspielräume sichtbar macht. Denn wo Handlungsspielräume sind, gibt es auch Motivation, Zuversicht und Verantwortung. Und diese lassen sich nicht delegieren. Die postfaschistische Meloni-Regierung mag die eingebettete Integration, wie sie in Riace oder Camini betrieben wird, ablehnen. Die Behörden mögen rigoros Fördergelder und Zuschüsse streichen und den Engagierten vor Ort in Kalabrien das Leben schwer machen. Eine mächtige Idee zu zerstören indes, die Lichtfunken in die tumbe Düsternis europäischer Migrationspolitik gesprüht hat, ist nicht so leicht zu verdunkeln. Und dieser Lichtfunke kann manchmal das Schmunzeln einer alten Frau sein, die in traditionellen Kleidern der Kalabrierinnen („Pacchiana“) auf einer schattigen Holzbank sitzt. Wenn zeitgleich durch die engen Kalksteingassen und über den mittelalterlichen Markplatz von Camini das Lachen spielender Flüchtlingskinder klingt — hell, wie ein fröhlich zerspringendes Glas.

 

Fußnoten
[1] UNHCR sowie Europäische Kommission, Generaldirektion ECHO (Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz): Statistische Angaben zu Todesfällen auf Fluchtrouten im Mittelmeerraum, Stand: Anfang 2026.

[2] ORF Nachrichten: „Viele Tote bei Flucht über das Mittelmeer“, Beitrag vom 02.04.2026, online unter: https://on.orf.at/video/14317424/16065088/viele-tote-bei-flucht-ueber-das-mittelmeer-zib-1300-vom-02042026 (Abruf: 25.04.2026); ergänzend: Christian Jakob: „Mittelmeerroute bleibt tödlich“, in: Wochen-taz, 04.–10.04.2026, S. 16.

[3] Ricca, Mario: Riace, Futuro Trapassato. Domenico Lucano paga per il suo ectoplasma, in: CALUMET – Intercultural Law and Humanities Review, Nr. 13, 2021, S. 1–10.

[4] Bechthold, Janine: Der Kampf eines Bürgermeisters um sein globales Dorf, Arte-Dokumentation, 2026.

[5] Franco, Vincenzo: Il volo degli uccelli migratori (Wandbild/Mural), Riace, Kalabrien, 2025.

 

Geflüchtete auf einem Boot im Mittelmeer. Foto: Defense Visual Information Center (Foto-ID: 050615-N-TW583-001), via Wikimedia Commons, Creative-Commons-Lizenz

 

Über den Autor

Dr. Daniel Trepsdorf ist ein deutscher Gesellschaftswissenschaftler, Autor und Politiker, der sich seit Jahrzehnten für die Stärkung der demokratischen Kultur, den Schutz der Menschenrechte und die Förderung von Bürgerrechten einsetzt. Bekannt wurde er vor allem durch seine über 13-jährige Leitung des Demokratiezentrums Westmecklenburg (RAA) in der Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns, wo er sich aktiv gegen Rechtsextremismus und für eine weltoffene Zivilgesellschaft engagiert. 

Seit September 2025 ist er Abgeordneter der LINKEN im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. Dort ist er u. a. Sprecher für Landesentwicklung, Digitalisierung sowie Klima- und Umweltschutz. Neben seiner politischen Tätigkeit ist Trepsdorf als Fachbuchautor tätig und publiziert regelmäßig zu Themen der politischen Bildung und sozialen Gerechtigkeit. Sein ehrenamtliches Engagement, unter anderem als langjähriger ehrenamtlicher Richter am Arbeitsgericht Schwerin, sowie seine Arbeit für Menschenrechte als auch gegen Mobbing und Schulgewalt wurde 2024 mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes gewürdigt. Bereits zuvor erhielt er weitere Auszeichnungen, etwa den Regine-Hildebrandt-Preis (gemeinsam mit Bürger.Courage) oder den Kinderrechtsorden von UNICEF (gemeinsam mit dem Europäischen Jugendwerk). Er ist ehrenamtlich bei Amnesty International und Greenpeace engagiert und leitet seit 2019 den Kulturausschuss seiner Heimatstadt Schwerin.

 

Weiterführender Hinweis

ARTE-Dokumentation (April 2026):
Der Kampf eines Bürgermeisters um sein globales Dorf

Camini – Utopia revisited

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