Am zweiten Tag der Reise widmen wir uns einem Themenkomplex, der den Alltag in Ciudad Juárez entscheidend prägt: den maquilas. Dabei handelt es sich um Montagefabriken, die in den 1960er-70er Jahren entstanden und das Stadtbild von Ciudad Juárez grundlegend veränderten. In den Fabriken werden Kleinstteile für den Bedarf vor allem in den benachbarten USA hergestellt oder zusammengesetzt, etwa für Haushaltsgeräte. Seit den Neoliberalisierungsprozessen, die in dem Freihandelsabkommen mit den USA und Kanada 1994 gipfelte, ist die maquila-Industrie explodiert. In starker Abhängigkeit zum US-Markt entstanden hierbei zwar zahlreiche Arbeitsplätze, in den Fabriken herrschen aber katastrophale Arbeitsbedingungen.

Für die Verbesserung dieser Bedingungen kämpft u.a. das Colectiva de Mujeres Rosa Luxemburgo. Im Sitz des Kollektivs begrüßen uns Norma und Bety. Beide blicken bereits auf langjährige Erfahrung als Arbeiterinnen in den maquilas zurück – und gleichzeitig auf eine lange Zeit der Organisierung im Kampf für Arbeiterinnenrechte. 2016 wurde als Resultat der gesammelten Erfahrungen dann das Colectiva offiziell gegründet. Der Name Rosa Luxemburgo wurde bewusst ausgewählt: Einerseits in Erinnerung daran, dass Frauen schon immer in der Arbeiter*innenbewegung gekämpft haben, andererseits aber auch aus der Erkenntnis heraus, dass die Kämpfe einer Luxemburg zwar schon Teil der Geschichtsschreibung sind – sich besonders Arbeiterinnen in den maquilas aber immer noch in ähnlichen Situationen wie denen, gegen die damals gekämpft wurde, befinden.

Diesen Arbeiterinnen widmet sich das Colectiva. Dabei verfolgen sie den Ansatz, Arbeiterinnen zu ermächtigen, sich selbst zu helfen. Dies wird unter anderem mit einer 1:1 Beratung und monatlichen Fortbildungen zu Themen wie Arbeitsrechten und Ansprüchen am Arbeitsplatz umgesetzt. Da Betroffene aufgrund von mangelnder Infrastruktur, aber auch wegen des Arbeitsalltags in der Fabrik kaum die Möglichkeit haben, in die Büroräume zu gelangen, in denen wir empfangen wurden, bietet das Colectiva auch Infotische und Foren direkt in den verschiedenen Wohnvierteln an. Dem körperlich und geistig auslaugenden Arbeitsalltag wird vor allem auch die Care-Praktik des descanso entgegengestellt: Die Arbeiterinnen erhalten bei Veranstaltungen, z.B. bei gemeinsamen Schwimmbadbesuchen, die Möglichkeit, sich auszuruhen und aufs eigene Wohlbefinden zu konzentrieren. So arbeitet das Kollektiv gegen den Prozess der kompletten körperlichen Erschöpfung, der durch die Arbeit in den maquilas schonungslos vorangetrieben wird. Denn die gesundheitliche Grundversorgung der Arbeiter*innen ist mangelhaft.

Außerdem führt das Kollektiv arbeitsrechtliche Kämpfe, momentan geht es z.B. um die Einführung der 40h-Woche. Ein übergeordnetes, zentrales Ziel der gesamten Arbeit des Kollektivs ist auch die erhöhte Sichtbarkeit der Arbeiterinnen in der Stadt.

Im Kontext von Ciudad Juárez, dass durch machistische Gewaltstrukturen geprägt ist, geht diese erhöhte Sichtbarkeit nicht nur mit der angestrebten Verbesserung der Arbeitsbedingungen einher. Auch den Aktivist*innen vom Colectiva ist klar, dass sie und ihre Arbeit nicht bei allen in der Stadt auf Begeisterung trifft, was ihnen auch durch Angriffe auf ihre vorherigen Büroräume gezeigt wurde.

Zurück fahren wir durch Straßen, die von maquilas gesäumt sind. Die riesigen Fabrikgebäude wirken anonym und verraten nichts darüber, was in ihrem Inneren vor sich geht. Lediglich anhand der Firmenlogos versuchen wir uns zu erschließen, welche mühselige Kleinstarbeit dort wohl gerade verrichtet wird. Den einzigen Hinweis auf Menschen in diesem surrealen Ambiente bieten die ausrangierte US-Schulbusse, auf denen Transporte de personal zu lesen ist – sie verfrachten die Arbeiter*innen routinemäßig in die Fabriken und sind besonders zum Schichtwechsel überall zu sehen.

Weitere Informationen zum Colectiva de Mujeres Rosa Luxemburgo und dem Kontext in Juárez (auf Deutsch): https://www.medico.de/fileadmin/user_upload/media/lateinamerika-broschuere.pdf

Lo laboral es político – Besuch beim Colectiva de Mujeres Rosa Luxemburgo

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