Etwa dreiwöchige politische Reise nach Indonesien im Dezember/Januar 2010/2011
Nach dem Rücktritt Suhartos im Jahr 1998 kam es im bis dahin autoritär regierten Indonesien im Zuge des Demokratisierungsprozesses zu einem Aufschwung islamischer Kräfte. Obwohl dezidiert islamische Parteien bei den jüngsten Parlamentswahlen im Sommer 2009 keine Erfolge verbuchen konnten, ist dennoch der Trend einer Islamisierung der Politik und des Alltagslebens zu verzeichnen. So wurde beispielsweise Ende 2008 das umstrittene Anti-Pornographie-Gesetz verabschiedet, das alles unter Strafe stellt, was öffentlich sexuelle Lust erregt. Im neuen Gesetz fehlen zwar die krassesten Härten des Entwurfes, etwa das vollständige Verbot von Küssen in der Öffentlichkeit oder die Bestrafung von homosexuellem, oralem und außerehelichem Sex mit bis zu 12 Jahren Haft. Es erlaubt aber z.B. das Tragen von Bikinis nur noch in Touristenorten – ein Eingeständnis an Bali, das wegen dieses Gesetzes den Verlust seiner ökonomischen Grundlage, des Tourismus, fürchtete. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass dieses Gesetz in der Praxis rigide umgesetzt wird, dennoch ist zu befürchten, dass insbesondere radikale islamische Organisationen dieses Gesetz zum Anlass nehmen, eigenständig gegen “unsittliches Benehmen” vorzugehen (Formen der Selbstjustiz werden durch das Gesetz ausdrücklich gestattet).
Die Tendenz zur Islamisierung nahm ihren Ausgang bereits in den frühen 90er Jahren unter Suharto, als unter Führung des späteren Präsidenten Habibie die islamische Intellektuellenvereinigung IMCI gebildet wurde. Diese Neuorientierung in der Politik Suhartos, die bis dahin darauf bedacht war, religiöse Belange aus der Politik herauszuhalten, hatte ihre Gründe weniger in einem neuen religiösen Bewusstsein der politischen Elite, als in machtstrategischen Überlegungen. In der Bevölkerung wurde diese Hinwendung zur Religion größtenteils positiv aufgenommen. Das Tragen des Kopftuches wurde Mode unter Frauen, ebenso wie die Reise nach Mekka.
Nach dem Ende der Ära Suharto gewann dieser Prozess der Islamisierung zusätzlich an Fahrt. Die schwere ökonomische Krise und der politische Umbruch führten zu einer Rückbesinnung auf identitäre Bezugsgrößen wie Ethnie und Religion, was teilweise auch in blutigen ethnischen und religiösen Konflikten in mehreren Regionen Indonesiens mündete. Islamische Organisationen versprechen Lösungen für Probleme wie Armut und Korruption, an deren Beseitigung die Regierung regelmäßig scheitert. Insbesondere radikale islamische Organisationen, die eine rigide Auslegung der islamischen Quellen vertreten, können vor allem unter Jugendlichen Anhänger gewinnen.
Auf poltischer Ebene wurde der Islamisierungsprozess durch eine Dezentralisierungspolitik begünstigt, in deren Rahmen den Regionen mehr politische und wirtschaftliche Kompetenzen übertragen wurden. Im Zuge dessen kam es in zahlreichen Regionen zur Verabschiedung islamisch inspirierter Verordnungen. Eine besondere Rolle nimmt dabei die Provinz Aceh im Nordwesten Sumatras ein, wo Sharia mit den dazugehörigen rechtlichen Organen im Jahr 2002 in Kraft trat. Möglich wurde dies durch eine Verordnung der Zentralregierung, die der Region den Status einer Sonderzone verlieh. Die Einführung der Sharia in der Provinz Aceh war weniger einer besonderen Religiosität der Acehnesen geschuldet, sondern ein Mittel der Zentralregierung, den Jahrzehnte andauernden sezessionistischen Bestrebungen der Region den Wind aus den Segeln zu nehmen. Bei der Umsetzung der Sharia ist bis heute nicht ausreichend geklärt, inwieweit die Shariagesetze bereits existierendes Recht ersetzen dürfen. So wurde jüngst vom Provinzparlament ein Gesetz verabschiedet, das Steinigung bei Ehebruch vorsieht.
Viele dieser Verordnungen betreffen explizit Frauen und schränken sie in ihrem Alltag ein. Dennoch ist auch von dieser Seite eine grundsätzliche Kritik an der Sharia selten zu hören. In der Regel richtet sich die Kritik vornehmlich gegen einzelne Verordnungen bzw. die Form ihrer Umsetzung. Dies hat seinen Grund darin, dass eine Kritik an der Sharia als anti-islamisch gebrandmarkt wird – und als anti-islamisch wollen die Kritiker nicht gelten.
Ziel dieser politischen Reise ist es, sich einerseits einen allgemeinen Überblick über Islam in Indonesien zu verschaffen. Davon ausgehend wollen wir diskutieren, ob der angedeutete Prozess der Islamisierung auf ein vermehrtes religiöses Bedürfnis der Bevölkerung zurückzuführen ist, oder von einer interessierten Elite vorangetrieben wird. Weiter wollen wir thematisieren, in welchem Verhältnis Religion zur politischen und ökonomischen Situation der Bevölkerung steht.
Speziell während unseres Aufenthaltes in der Region Aceh soll es um die praktische Umsetzung der Sharia gehen. Zentrale Frage ist dabei, inwieweit die Einführung der Sharia das alltägliche Leben – insbesondere von Frauen – verändert hat. Mit welchen Problemen sehen sich Gegner der Shariagesetzgebung konfrontiert und auf welche Weise kann innerhalb dieses Rahmens ein Bewußtsein für liberale Freiheitsrechte geschaffen werden?
Diese und andere Fragen werden wir mit Menschenrechtsgruppen, Frauenorganisationen, Parteien, Punks aber vor allem auch mit VertreterInnen islamischer Organisationen versuchen zu diskutieren.
IAK-Reisen setzen auf die aktive Teilnahme der Mitreisenden an Vorbereitung, Durchführung und inhaltlicher Nachbereitung der Reise. Ein rein konsumierendes Mitfahren ist nicht sinnvoll und bringt euch als Reisenden auch wenig. Zudem wird uns die Reise nach Jakarta und Banda Aceh führen, und zumindest Jakarta ist eine Stadt, die nur bedingt die Kriterien eines Urlaubsparadieses erfüllt. Außerdem ist das Programm erfahrungsgemäß nicht unanstrengend. Es soll hier also davor gewarnt werden, diese Reise mit einer entspannten Urlaubsreise zu verwechseln, auch wenn’s nach Indonesien geht, ins „Tropenparadies“. Dafür werden wir aber einen Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse Indonesiens und in seine politische Szene zu erhalten suchen, wie er gewöhnlichen Touristen vollkommen verborgen bleibt. Individueller Urlaub ist dann im Anschluss an das Programm möglich.
Teamer: Nils
Teilnahmebeitrag (abhängig von der Förderung): 1100 bis 1400 Euro. Darin enthalten sind Vorbereitung, Flugkosten, Unterkunft und die überregionalen Fahrtkosten in Indonesien.
Für diese Veranstaltung wird bei Bedarf die (sehr wahrscheinliche) Anerkennung als Bildungsurlaub nach dem Berliner Bildungsurlaubsgesetz beantragt.
Weitere Informationen und Anmeldung: indonesien@iak-net.de

[...] Islam, Sharia und Geschlechterverhältnisse in Indonesien, Jakarta, Banda Aceh, 25.12.2010-15.01.2011 // [...]