Indonesien – Jakarta, Yogjakarta
22. März bis 11. April 2009
Politisch-ökonomische Ursachen der Islamisierung
Aktuell: Bildernachmittag von unserer Indonesienreise am 12.07.09 hier
Im Oktober 2008 erlitten die liberalen politischen Kräfte in Indonesien eine herbe Niederlage. Das umstrittene Anti-Pornographie-Gesetz, das alles unter Strafe stellt, was öffentlich sexuelle Lust erregt oder gegen „islamische“ Moralnorm verstößt, wurde mit großer Mehrheit auch von den säkularen Parteien beschlossen. Im neuen Gesetz fehlen zwar die krassesten Härten des Entwurfes, etwa das vollständige Verbot von Küssen in der Öffentlichkeit oder die Bestrafung von homosexuellem, oralem und außerehelichem Sex mit bis zu 12 Jahren Haft. Es erlaubt aber z.B. das Tragen von Bikinis nur noch in Touristenorten – ein Eingeständnis an Bali, das wegen dieses Gesetzes den Verlust seiner ökonomischen Grundlage, des Tourismus, fürchtete und mit Abspaltung drohte. Unklar ist aber, ob z.B. das Tragen von Spaghetti-Träger-Shirts außerhalb von Touristenorten nun strafbar ist und ob die im Gesetzentwurf enthaltenen „Vorbeugungsmaßnahmen“ moralischer Bürger gegen „Pornographie“ zu ähnlichen Übergriffswellen männlicher Mobs gegen Frauen führen werden, wie es nach Einführung der Sharia in der Provinz Aceh 2002 der Fall war.
Die staatliche Durchsetzung rigider Sexualitätsnormen steht in Indonesien im Zusammenhang der gesellschaftlichen Durchsetzung eines immer „orthodoxeren“ Islam. Auch wenn es paradox klingt, seit 1998 das autoritäre Regime Suhartos gestürzt und Indonesien demokratisiert wurde, haben die Islamisierung der Gesellschaft an Dynamik und ihre Agenten an politischer Macht gewonnen. Das drückt sich nicht nur in den Bombenanschlägen von Bali und Jakarta aus, durch die hunderte Menschen ermordet wurden, oder in Massakern an Christen auf den Molukken. Dieser Islamisierungsprozess findet sich auch in diversen umkämpften Alltagspraktiken wieder.
Die gegenwärtige Islamisierung Indonesiens wurde bereits in den 1980er Jahren von Suharto eingeleitet, als dieser versuchte, seine schwindende Autorität im Militär durch eine zweite Machtstütze, islamische Intellektuellen- und Massenorganisationen, auszugleichen. Diese „Islamisierung von oben“ kann aber kaum erklären, warum nach den Anschlägen auf das World Trade Centre in New York Osama Bin Laden unter den auf indonesischen Märkten verkauften Popikonen schlagartig auf Platz 1 vorrückte, sogar noch vor Bob Marley und Bruce Lee!
Der Islamismus mit seinen diversen Facetten und Strömungen übt auch in Indonesien auf große Teile der Bevölkerung eine starke Anziehungskraft aus. Obwohl es in Indonesien sowohl politische wie auch kulturelle Bewegungen gibt, die sich der Islamisierung der Gesellschaft widersetzen, scheint der Islam doch für die Mehrheit das Ausdrucksmittel ihrer Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Zuständen zu sein. In ihm kulminiert der Hass auf die moderne Gesellschaft, die mit ihren Megastädten voller im informellen Sektor herumvegetierender Bauern, mit ihren von sich prostituierenden Jugendlichen geprägt Touristenorten und mit ihren Weltmarkt-Sweat-Shops, in denen kaum bezahlte Frauen sich beim Schuhe-Kleben das Gehirn wegätzen, ein nicht ganz so rosiges Bild abgibt, wie es die Propaganda des freien Marktes verbreitet. Der Islam gibt vor, der imperialen Beherrschung des Weltmarktes, von der die elende soziale Situation in Indonesien maßgeblich abhängt, ebenso etwas entgegen zu setzen, wie er Alternativen zu herrschenden Wirtschaftsordnung zu formulieren scheint. Jedenfalls ist es in Indonesien inzwischen möglich, „Islamic Business“ zu studieren.
Diese politische Reise des IAK e.V. soll sich der Frage nach den politisch-ökonomischen Ursachen der Islamisierung Indonesiens widmen. Im Zentrum steht also die Frage, warum der Islam eine so große Anziehungskraft auf dominante Teile der Bevölkerung ausübt. Welche Probleme der Menschen greift er auf und welche (Schein-) Lösungen bietet er an? Um der Beantwortung dieser Frage näher zu kommen, wird die Reise einen inhaltlichen Dreischritt unternehmen. Zum einen sollen die politischen und ökonomischen Verhältnisse im Land durch Gespräche mit unterschiedlichen sozial engagierten Organisationen und NGOs erschlossen werden. Es wird darum gehen, einen Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse Indonesiens und ihre Geschichte zu bekommen. In einem zweiten Teil wollen wir uns mit AktivistInnen aus Bewegungen treffen, die dem Islamismus Widerstand entgegensetzen oder Alternativen zu ihm anbieten könnten, wie etwa Basisgewerkschaften, Linken, Punks. Es wird darum gehen, deren politische Situation, Inhalte und die Aktionsformen kennen zu lernen und zu diskutieren. Der dritte Teil wird sich dann direkt mit islamischen Organisationen und ihren Forderungen auseinander setzen. Dazu sollen Gespräche mit VertreterInnen explizit islamischen Gruppen und Einrichtungen gesucht werden.
Um die in Indonesien gewonnen Erkenntnisse in Deutschland anwenden zu können, wird es während der Reise auch immer darum gehen, den Islamisierungsprozess in Indonesien mit der voranschreitenden Islamisierung vor allem migrantischer Menschen in Deutschland ins Verhältnis zu setzen. Die Reise richtet sich daher gerade an Menschen, die hier in Deutschland in die Arbeit mit islamischen Jugendlichen eingebunden sind oder selbst einen islamisch-migrantischen Hintergrund haben. Sie ist aber natürlich auch für alle anderen Interessierten offen.
IAK-Reisen sind Reisen, die auf die aktive Teilnahme der Mitreisenden an Vorbereitung, Durchführung und inhaltlicher Nachbereitung der Reise setzen, ein rein konsumistisches Verhalten ist nicht sinnvoll und bringt euch als Reisenden auch wenig. Zudem wird uns die Reise nach Jakarta und Yogjakarta führen, und zumindest Jakarta ist keine schöne Stadt, sondern ein Dritte-Welt-Moloch voll Slums („Kampungs“) und offener Kanalisationen. Außerdem ist das Programm erfahrungsgemäß nicht unanstrengend. Es soll hier also davor gewarnt werden, diese Reise mit einer entspannten Urlaubsreise zu verwechseln, auch wenn’s nach Indonesien geht, ins „Tropenparadies“, wenn in Deutschland noch Winter herrscht! Dafür werden wir aber einen Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse Indonesiens und in seine politische Szene zu erhalten suchen, wie er gewöhnlichen Touristen vollkommen verborgen bleibt. Individueller Urlaub ist dann im Anschluss an das Programm möglich.
Teamer: Kris
Teilnahmebeitrag (inkl. Vorbereitung, Flug, Unterkunft und Fahrtkosten in Indonesien): ca. 900 Euro
Diese Reise ist als Bildungsurlaub gemäß dem Berliner Bildungsurlaubsgesetz sowie in Hessen anerkannt.
Infos und Anmeldung: indonesien (ett) iak-net.de

Ich habe schon ein kleines bisschen von einer begeisterten Mitfahrerin gehört. Macht Ihr demnächst mal etwas Ausführliches zu der Reise? Fotos?