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Graffiti in Ciudad Juárez         (Foto: Ina Riaskov)

Politische Reise

ca. 19.09.-11.10.2015

nach Ciudad Juárez, Mexiko 

– mit Exkursionen ins Umland und nach El Paso, USA


Die mexikanische Grenzstadt Ciudad Juárez stand vor ein paar Jahren als „gefährlichste Stadt der Welt“ im Fokus der Medien. Die militärische Besetzung im Kontext des sogenannten „Drogenkriegs“ brachte das öffentliche Leben fast vollständig zum Erliegen. Das Engagement vieler Menschen für Frieden und Gerechtigkeit, das sie in kreativer Weise mit künstlerischen Happenings und kulturellen Projekten verknüpften, wurde kaum bekannt.

Auch wenn die Gewalt in der Stadt statistisch enorm zurückgegangen ist, fahren Kunst- und Stadtteilprojekte in ihrer Arbeit fort. Denn gesellschaftliche Ausgrenzung, Marginalisierung und Repression existieren in den weit ausgedehnten Vierteln am Rande der Wüste nicht erst seit dem sogenannten „Drogenkrieg“. Betroffen sind davon vor allem Jugendliche, für die Hiphop, Street Art und Theater zu einer identitären Ausdrucksform und zu einer Möglichkeit wird, in kollektiver Weise den öffentlichen Raum zu erobern. Einige dieser Initiativen und Aktivist*innen möchten wir durch die Reise näher kennenlernen. 

Die historische Entwicklung von Ciudad Juárez steht in Zusammenhang mit der Alkoholprohibition in den USA. Über Jahrzehnte war die Stadt mit ihren unzähligen Bars, Diskotheken und Bordellen ein beliebtes Ziel für Tourist*innen und Militärangehörige aus den USA.

Besonders seit den 70er Jahren siedelten sich u.a. US-amerikanische Billiglohnfabriken auf der mexikanischen Seite der Grenze an. Auch deutsche Firmen profitieren von den niedrigen Produktionskosten in Ciudad Juárez. Ciudad Juárez war lange trotz prekärer Arbeits- und Lebensbedingungen Anlaufpunkt für Migrant*innen aus ganz Mexiko. Die Stadtplanung vorbei an den Interessen der Bevölkerungsmehrheit sowie Korruption und fehlende Strafverfolgung trugen dazu bei, dass Kriminalität und organisiertes Verbrechen zunehmend an Einfluss gewannen. Seit den 90er Jahren gelangte Ciudad Juárez auf Grund des Phänomens der systematischen Ermordung von Frauen zu trauriger Berühmtheit.

Der machistische Rollback gegen die von traditionellen Geschlechterrollen und Familienstrukturen unabhängige Lebensführung unzähliger junger Frauen durch ein eigenes Einkommen im Maquilasektor führte in Verknüpfung mit der Präsenz der Drogenkartelle und der Zersetzung der politischen Strukturen zum höchsten Ausdruck misogyner Gewalt: dem Femizid. Aufgrund einer fast absoluten Straflosigkeit hat dieser weiterhin Bestand und limitiert die Bewegungsfreiheit von Mädchen und Frauen in der Stadt.

Die Regierungsstrategie, die Stadt zwischen 2008 und 2011 zu militarisieren, führte zu noch mehr Gewalt, einem horrenden Anstieg von Menschenrechtsverletzungen und einer weiteren Verschlechterung der Lebensbedingungen. Die entstandenen Protestbewegungen, angeführt von den Müttern der Feminizidopfer, führten jedoch zu einer Stärkung und Professionalisierung der Zivilgesellschaft in Ciudad Juárez. Doch die heutige „Friedensbewegung“ hat mit Repression und Übergriffen zu kämpfen und besonders Angehörige marginalisierter Bevölkerungsschichten geraten zwischen die Fronten des sogenannten „Drogenkriegs“.

Zehntausende Menschen haben Ciudad Juárez in den vergangenen fünf Jahren verlassen. Viele davon sind auf die US-amerikanische Seite des Rio Grande gezogen und haben dort ein “Little Juárez” im Exil aufgebaut. Denn die texanische Zwillingsstadt El Paso gilt weiterhin als eine der sichersten Städte der USA. Viele andere Menschen konnten es sich hingegen nicht leisten wegzuziehen, bekamen keine Aufenthaltserlaubnis in den USA oder haben sich bewusst dagegen entschieden.

Wir werden uns damit beschäftigen, welche Auswirkungen einseitige Stadtentwicklung und Gewalteskalation auf den Alltag der Menschen haben. Wenn auch die Gewaltrate in Ciudad Juárez stark zurückgegangen ist, lassen die extremen Erfahrungen Spuren zurück. Die mehreren tausend Toten der vergangenen Jahre reißen bleibende Lücken in ihre Familien und ihr soziales Umfeld. Nach wie vor gehören Verschwindenlassen und Feminizide zum Alltag der Grenzstadt, auch wenn die städtische Regierung versucht, diese Realität zugunsten des wirtschaftlichen und touristischen Aufschwungs auszublenden. Des Weiteren sitzen Tausende marginalisierter Jugendlicher und Erwachsener im Gefängnis, die gefüllt wurden, um den Erfolg der Regierung im angeblichen Kampf gegen die Kartelle zu demonstrieren.

Wie kann eine gesellschaftliche Aufarbeitung und ein künstlerischer Umgang mit der Gewalterfahrung gefunden werden? Wie gehen die Menschen vor Ort im Alltag mit den Problemlagen um, welche individuellen und kollektiven Strategien haben sie entwickelt? Woher nehmen sie die Kraft, sich zivilgesellschaftlich zu engagieren? Welche Träume und Hoffnungen haben Jugendliche in der Region?

Ziel der Reise ist es, sich mit der von Globalisierung, Grenzregime und Drogenkrieg geprägten komplexen Realität in Ciudad Juárez auseinanderzusetzen. Dabei wollen wir die Perspektive und Arbeit von Kunst- und Stadtteilkollektiven wie Colectivo Vagón (Film-, Video- und Literaturproduktion) kennenlernen, politische Künstler*innen wie Teresa Margolles (Installationen zu Gewalt und Feminizid) und die Angehörigen von Batallones Femeninos (feministischer HipHop) und Telón de Arena (Theaterensemble) treffen und Orte wie den Mercado del Monu (sonntäglicher Treffpunkt der alternativen Szene der Stadt) und die Bäckerei des Kollektivs REZIZTE (Streetart) besuchen.

Daneben sind Ausflüge zu den Sanddünen von Samalayuca und in das Juáreztal geplant, wo sich die narco-Kultur in Altären des Malverde, Heiliger der Drogenkartelle, manifestiert, sowie nach Villa Ahumada, wo campesino-Kollektive gegen Fracking kämpfen, und nach Casas Grandes, wo sich indigene Kollektive der Rarámuri gegen Ausschluss und Armut wehren.

Um einen erweiterten Einblick in den Bedeutungsraum der Grenze zu bekommen, wollen wir El Paso, Texas, auf der anderen Seite der Grenze besuchen, das zum „safe haven“ für Flüchtlinge und verfolgte Aktivist*innen im „Drogenkrieg“ wurde und heute im Zeichen einer erneut verschärften US-Migrationspolitik das Abschiebedrehkreuz für Kinder und Jugendliche aus Mittelamerika ist.

Je nach Interesse der Teilnehmer_innen werden wir inhaltliche Schwerpunkte unserer Reise und Auszeiten zur Erholung und individuellen Gestaltung gemeinsam festlegen.  Programmpunkte, Einkäufe und Essen werden in der Gruppe vorbereitet. Neben dem Vorbereitungsseminar in Deutschland werden wir auch auf der Reise immer wieder Erlebtes und Gehörtes gemeinsam reflektieren und diskutieren. Spanischkenntnisse sind erwünscht.

Preis: ca. 1.050-1.200 Euro (inkl. Flug, Unterkunft, Transport, Vorbereitung)

Das Vorbereitungsseminar findet vom 3.-5. Juli in Berlin statt.

Fragen & Kontakt: mexiko@iak-net.de

Leitung: Ina Riaskov & Kathrin Zeiske

Kathrin Zeiske lebt und arbeitet zwischen Deutschland und Mexiko, wo sie einige Jahre für eine Migrant_innenherberge tätig war. Heute schreibt sie als Freie Journalistin über soziale Bewegungen, Drogenkriege und Ressourcenabbau in der Region. http://grenzueberschreitend.blogspot.com/

Ina Riaskov lebt und arbeitet in Mexiko als freischaffende Fotografin, Grafikdesignerin und Soziologin in und zu feministischen Bewegungen an der Schnittstelle zwischen Kunst und Aktivismus. https://www.flickr.com/photos/produccionesymilagros

Graffiti am Grenzzaun – Kunst- & Stadtteilkollektive erobern öffentliche Räume
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