Ein Gespräch mit Doña Olga Sánchez, die in der südmexikanischen Grenzstadt Tapachula eine Herberge für Migrant_innen beitreibt, die nach Unfällen am Zug Arme oder Beine verloren haben.

 

Seit über 20 Jahren kämpfen Sie für die Rechte zentralamerikanischer Migrant_innen. Was hat Sie motiviert, die Herberge „Buen Pastor“ ins Leben zu rufen?

Doña Olga Sánchez: Meine Motivation waren immer die Kranken, weil ich selbst eine Kranke war. Als ich ins Krankenhaus eingeliefert wurde, habe ich viele Migrant_innen gesehen, die bei Zugunfällen Arme und Beine verloren hatten. Da habe ich realisiert, dass meine Krankheit nichts im Vergleich zu dem war, was diese Menschen durchmachen mussten. Ich habe erkannt, dass Migrant_innen meine Hilfe am meisten brauchen, weil sie weit weg von ihrem Land sind und  keinen haben, der sich um sie kümmert. Ich war auch krank, aber ich habe Arme und Beine und kann anderen helfen. Seit wir die Herberge vor acht Jahren gegründet haben, fühle ich mich, als ob 10.000 Leute bei uns gewesen wären.

Wie beurteilen Sie die derzeitige Situation zentralamerikanischer Migrant_innen im Transitland Mexiko?

Das Passieren Mexikos war für Migrant_innen schon immer sehr schwierig. Jetzt gerade ist Chiapas nicht mehr der Todesabschnitt, die Gefahr hat sich nach Norden verschoben. In Chiapas sind die Überfälle und die Verletzung der Migrant_innenrechte zurückgegangen. Aber der schwierige Teil, wo das Drogenkartell der Zetas die Menschen angreift, ist jetzt im Bundesstaat Oaxaca. Heute ist es noch schlimmer, denn vorher haben die Jugendbanden der Maras und die Drogenkartelle die Migrant_innen noch nicht so sehr drangsaliert wie jetzt. Wir hören von Massenmorden mit zwanzig bis dreißig Toten. Vorher gab es eher Überfälle, jetzt nehmen sie die Migrant_innen mit und foltern sie über längere Zeiträume.

Seit 2005, als der Hurrican Stan ganz Chiapas verwüstete, fährt der Zug erst 250 Kilometer nördlich von Tapachula ab. Doch die Strecke wurde restauriert, in ein paar Monaten wird der Zug wieder von der Südgrenze abfahren. Mit welchem Szenario rechnen Sie?

Wir sorgen uns sehr! Wir haben Angst, dass hier dasselbe passieren wird wie jetzt im Norden. Denn dort greifen die Banden an. In der Herberge haben wir immer um die zwanzig bis vierzig Kranke, im Vormonat waren es sogar fünfzig. Unsere Sorge ist, dass jetzt die Zahl der Verletzten nochmals steigt.

Das Drogenkartell der Zetas ist schon jetzt eine große Gefahr für Migrant_innen. Wird sich sein Aktionsgebiet in Richtung Südgrenze verlagern?

Die Zetas sind auch jetzt schon im ganzen Land aktiv. Wenn der Zug wieder von hier aus abfährt, werden sich die Angriffe der Zetas vervielfältigen.

Viele Herbergen scheitern am Rassismus und Widerstand der Lokalbevölkerung. Wie nimmt die Öffentlichkeit Ihre Arbeit auf?

Es gibt nur sehr wenige Leute in Tapachula, die sich für diesen Ort interessieren. In erster Linie interessiert sich die Öffentlichkeit für Kinderherbergen. Wir werden diskriminiert, weil wir mit Migrant_innen arbeiten.

Gibt es Druck von Seiten von Seiten der Drogenkartelle auf die Herberge?

Die Herberge wurde schon immer von den Zetas erpresst. Sie kamen, um ihre Zusammenarbeit und finanzielle Mittel anzubieten. Aber in Wirklichkeit war das Erpressung. Deswegen haben wir jetzt auch Polizeischutz. Vor allem nehmen die Zetas die Kontaktmöglichkeiten der Menschen zu ihren Verwandten in den USA weg, Telefonnummern oder Adressen. Auf diese Art stehlen sie das Geld der Familien.

Wie hat sich die Situation durch den Sperrzaun an der Nordgrenze und die immer restriktivere Einwanderungspolitik der USA verändert?

Für die Migrant_innen ist es schwieriger geworden, die Grenze zu überqueren. Früher war es nicht so gefährlich. Jetzt gibt es viel mehr Überwachung und Patrouillen. Aber die Anzahl der Migrant_innen ist gleich geblieben oder hat sich sogar erhöht, andere Herbergen haben gerade bis zu 600 Migrant_innen.

Das Interview führten die Teilnehmer_innen der Politischen Reise an die Südgrenze Mexikos im Oktober 2011. http://www.iak-net.de/category/reiseblogs/mexiko-blog-2011/ http://dwybo.net/ Übersetzung: Chris Burdack und Maria Lisa Pichler

http://www.alberguebuenpastor.org.mx/

Gespräch mit Doña Olga Sánchez

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